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nordwärts setzenden Strömungen dagegen den Westküsten der das Meer um-
schliefsenden Länder folgen, und dies wird seine Gültigkeit haben, selbst unter
der alleinigen Voraussetzung eines vertikalen oceanischen Kreislaufes zwischen
den Polen und dem Aequator; dieser Annahme gemäfs wird nämlich an den
Ostküsten der kalte Unterstrom: der mächtigere sein und folglich der Oberfläche
näher kommen, während der warme Oberflächenstrom an den Westküsten tiefer
hinabsinkt. !)
Die Nachweise dafür, dafs in der Wirklichkeit die Verhältnisse mit
denen nach der erwähnten Theorie übereinstimmen, sind nicht schwer zu finden.
In der Davis-Strafse setzt ein kalter Eisstrom längs der Küste‘ von
Labrador nach Süden und ein verhältnifsmäfsig warmer längs der Westküste
von Grönland nach Norden; ähnliche Zustände finden in dem Meere: zwischen
Spitzbergen und Grönland statt, und, wie oben nachgewiesen ist, in der Dänemark-
Strafse; längs der Ostküste von /sland ist ein südwärts setzender Strom mit
kaltem Wasser nachzuweisen, ebenso an der Westküste von Norwegen ein: warmer
Strom, nach. Norden setzend. Ja, selbst in Binnenmeeren finden sich dieselben
Erscheinungen vor; so ist z. B, in der Nordsee mindestens im Sommer das
Wasser längs den Ostküsten von England und Schottland kälter, als an der
jütischen Westküste; im Kattegat strömt das süfsere von Süden herkommende
Wasser oben längs der schwedischen, das salzigere Wasser in der Tiefe längs
der jütischen Küste,
Da, wo sich ein materielles Hindernifs, wie eine Küste, der Ablenkung
eines Stromes nach rechts darbietet, ist der Strom an die Küste gebunden;
hieraus folgt aber mit Nothwendigkeit, dafs bei solchen Stellen, wo eine Küste
aufhört, oder pötzlich ihre Richtung bedeutend ändert, der Strom auch nicht
seine frühere Richtung beibehalten, sondern nach rechts abbiegen und der
Tendenz, welche ihm durch die Achsendrehung der Erde gegeben ist, folgen
wird. Auch hierfür fehlt es nicht an Beispielen von thatsächlich stattfindenden
Verhältnissen,
Der kalte, südwärts setzende, aus der Davis-Strafßse kommende Strom behält
seine Neigung zur Ablenkung nach West bei und staut sich an. den Küsten
von Labrador und später von Neufundland auf, wo er gezwungen ist, nach
SO zu laufen; sobald aber bei der Ostspitze von Newfundland die Küste
schnell nach Westen hineinbiegt, ändert auch. der Strom seine Richtung und
setzt nach Westen, bis er an der Ostküste der Vereinigten Staaten aufgehalten
wird und dem Verlaufe derselben nach Süden folgen muls.
Der kalte Strom, welcher längs der Grönländischen Ostküste nach SW
läuft, setzt seinen Weg vom Kap Farewell nicht nach Neufundland fort, wie
man früher glaubte, aber schon vom Admiral Irminger*) widerlegt worden
ist, sondern dreht sich nach Westen und folgt vielleicht sogar eine Zeit lang
der Westküste Grönlands nach Norden, bis er sich mit dem Labrador-Strom
vereinigt,
Der warme, längs der Westküste Norwegens nördlich setzende Strom
dreht sich zugleich mit der Küste, bei dem Nordkap nach Osten und setzt
seinen Lauf in dieser Richtung fort, bis er bei Nowaja Semlja wieder eine West-
küste antrifit, welcher er in nördlicher Richtung folgt. Der an Jütlands Westküste
nördlich setzende Strom biegt bei Hanstholmen zugleich mit der Küste nach
NO um; bei dem Verlassen der Küste bei Skagen setzt cr hinüber nach der
Küste von Schweden und folgt dieser nach Norden. Der Südstrom, welcher
besonders durch den Grofsen Belt aus der Ostsee in das Kattegat setzt, dreht.
sich, sobald er die Küste von Seeland verläfst, sofort nach Nordost bis Anholt
and zur schwedischen Küste.
1) Es ist hier nur die Rede von den Tiefen-Strömungen des Meeres, nicht von den durch
eigenthümliche, lokale Verhältnisse verursachten Triftströmungen in den obersten Wasserschichten,
wie z. B: dem stark erwärmten Golfstrom, welcher nach seinem Austritte aus der /"lorida-Strafse,
trotz seiner nördlichen Richtung, doch Anfangs in dem westlichen Theile des‘ Oceans‘ angetroffen
wird, Wenn man dagegen die Benennung „Golfstrom‘“ auch auf den tiefer gehenden, nach Norden
setzenden warmen Wasserzug, welcher beinahe die ganze Breite des Nordatlantic einnimmt; aus-
dehnen will, so erweisen alle Untersuchungen, dafs er im östlichen Theile des Oceans am mächtigsten
ist und sich an den europäischen Westküsten aufstaut.‘ A
2) „Den aretiske Strömning“ af C. Irminger. Nyt Archiv f. Söyvaesenet, 1854,
Ann. d. Hydr., 1880, Heft 1V (April)