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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 8 (1880)

Die Tiefe im englischen Kanal schwankt, in der tiefen Rinne wenigstens, 
zwischen 17 und 33 Faden oder 100 und 200 Fuss. Führen wir für diese 
Tiefen die Rechnung aus, so erhalten wir: 
1) k=100 Fuss, H=2, V=0,0004964, <= 20145 
Max. Geschw. — 0,337. K_Seemeilen pro Stunde. 
2) k=200 Fuss, H=2, V=0,0007018, = 1424,9 
Max. Geschw. = 0,237. K Seemeilen pro Stunde. 
Wenn wir also noch K angeben können, so können wir mittels dieser 
Ausdrücke die Maximal-Stromgeschwindigkeiten angeben. Für die Mitte des 
Kanals können wir dies nun freilich nur schätzungsweise thun; da aber an 
beiden Ufern die Fluthgrössen zu 15, 20 und mehr Fuss beobachtet werden, so 
werden wir nicht zu viel rechnen, wenn wir für die Mitte des Kanals im Westen 
einen Fluthwechsel von 10 Fuss und im Osten, wo der Kanal enger wird, einen 
solchen von 15 bis 20 Fuss annehmen, also in unsern Formeln K resp. = 5 und 
=7,5 bis 10 Fuss setzen. Dies giebt Stromgeschwindigkeiten, welche 
für k == 100 Fuss zwischen 1,7 und 3,4 Seemeilen 
und für k= 200 „ ” 1,22 „ 2,4 » 
schwanken. Vergleichen wir dies mit den Angaben der „Tide-tables“, so 
werden wir finden, dass dies auch ungefähr die Grenzen sind, zwischen denen 
die beobachteten Geschwindigkeiten liegen. An einzelnen Punkten, z. B. in der 
Bucht von St. Malo, werden erheblich grössere Geschwindigkeiten beobachtet; 
wir finden hier aber auch einen Fluthwechsel, der bis auf 30—40 Fuss steigt; 
nehmen wir diese Grenzen an, so finden wir die ihnen entsprechenden Ge- 
schwindigkeiten zwischen 5,1 und 6,7 Seemeilen, eine Tiefe von 100 Fuss voraus- 
gesetzt, was auch nahe richtig sein wird; auch dies ist genau den Beobachtungen 
entsprechend.!) ; 
Hieraus dürfte wohl zur Genüge hervorgehen, dass die Fluthwelle sich 
in wesentlichen Beziehungen so verhält, wie eine theoretische Wasserwelle, und 
wir schliessen daraus, dass die Ebbe und Fluth in der That als eine gross- 
artige Wellenbewegung aufgefasst werden kann und also allen Gesetzen der 
Wellentheorie unterworfen ist, 
Indem wir nun zu der Erklärung der Stromvorhältnisse nach den Ergeb- 
nissen der Wellentheorie übergehen, haben wir zunächst zu constatiren, dass 
im Kanal eine Fluthwelle sich mit wachsender Höhe von Westen nach Osten 
fortpflanzt, dass ferner in der Nordsee an der englischen Küste eine gleichfalls 
wachsende Welle von Norden nach Süden geht, während an der holländischen 
Küste eine Welle mit abnehmender Höhe sich von Süden nach Norden fort- 
pflanzt. Die Krklärung dieser schr eigenthümlichen Verhältnisse würde uns hier 
zu weit führen und uns nur von unseren Hauptzweck ablenken; wir verweisen 
in Bezug darauf auf „Tides and waves“, Art. 525 ff., und werden vielleicht 
später einmal Gelegenheit finden, hierauf zurückzukommen. Hier genügen uns 
die Thatsachen, * 
Wir haben gesehen, dass bei der ungestörten Welle der Stromwechsel 
um ein Viertel der Periode, im Falle der Fluthwelle also um etwas mehr, wie 
3 Stunden, dem Hoch- resp. Niedrigwasser folgt, und dass jedes Hinderniss, 
welches die Wassertheile in ihrer Bewegung finden, dies Intervall zu verkleinern 
sucht, und zwar derart, dass der Stromwechsel mit Hoch- und Niedrigwasser 
zusammenfällt, wenn dem Fortschreiten der Welle durch eine Barriere eine 
Schranke gesetzt wird. Dies auf unseren Fall angewendet, sieht man bei 
Betrachtung der Küsten - Configuration sofort, dass wir, beiderseits von See nach 
Dover hin, eine zunehmende Verfrühung der Zeit des Stromwechsels, verglichen 
mit Hochwasser, zu erwarten haben. Beiderseits, sowohl im Kanal, wie in der 
Nordsee, verengt sich die Weite des Bettes der Welle nach Dover hin, und 
') Wenn wir die Stromgeschwindigkeit im freien Ocean suchen, so würden wir etwa an- 
nehmen können k =— 2000 Faden = 12000 Fuss und K == 1,5 Fuss, dann erhalten wir als Maximal- 
geschwindigkeit 0,046 Seemeile pro Stunde, oder 21/2 Centim. pro Sek., also eine praktisch ganz 
unmerkliche Strömung.
	        
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