Strömungs- und Temperatur- Verhältnisse des Meeres bei Island.
Von Kapitän N. Hoffmeyer, Direktor des Königlich dänischen meteorologischen Institutes. 1).
(Mit einer Tafel.)
In dem I. Bande der „Geografisk Tidskrift“ hat Professor Mohn die
Ergebnisse seiner, während der ersten norwegischen Tiefsee-Expedition im
Jahre 1876 über die Tiefen- und Temperatur- Verhältnisse .des' Meeres zwischen
Nordwest-Europa und Grönland ausgeführten Untersuchungen mitgetheilt (siehe
a, a. O, pag. 81 f. und Petermann’s „Geogr. Mitih.“, 1878, pag. 1 ff), Die
überraschendste, durch diese Untersuchungen nachgewiesene neue Thatsache
war unzweifelhaft die, dafs die Bank, auf welcher die britischen Inseln hHegen,
Aurch einen untersecischen Höhenzug von höchstens 565m (300 Fad.) Wassertiefe
mit den Faröern verbunden ist, und diese wieder mit der Südostküste von
Island, und ferner, dafs über diese Bodenschwelle, welche das atlantische
Wasser in gröfseren Tiefen von dem Wasser des Eismeeres trennt, von der
Öberfläche. bis zum Meeresboden, —- wenigstens im Sommer, — eine verhältnifs-
mäfsig warme Wassermasse sich nach Nordost fortbewegt, welche das kalte
Bodenwasser des Eismeeres vollständig hindert, nach dem .nordatlantischen
Becken hin zu fließen. ,
Da man nun dessenungeachtet überall an dem Boden des letzteren‘ eine
mächtige Schicht Wasser von nur 2°—3° Wärme gefunden hat, welche nicht
von einer an Ort und Stelle stattfindenden Abkühlung herrühren kann (da
die Erdwärme, soweit bekannt, nach unten zunimmt), sondern nur von einem
Zuströmen kalten Wassers am Boden aus dem Polarmeere, so war die von der
norwegischen Expedition aufgefundene oben erwähnte Thatsache, dafs kein
solches Zuströmen durch die breiteste Verbindungsstrafse zwischen dem Atlanti-
schen Ocean und dem Kismeere, nämlich die zwischen Zsland und Europa, statt-
finde, von der gröfsten wissenschaftlichen Bedeutung, und infolge dessen wurde
in noch höherem Grade die Aufmerksamkeit auf die beiden anderen Verbindungs-
wege zwischem dem ÄKismeere und dem Nordatlantischen Ocean hingelenkt,
nämlich auf die Dänemark-Strafse zwischen Island und Grönland einerseits, und
die Davis-Strafse zwischen Grönland und Labrador andererseits. a
Die in diesen beiden Strafsen obwaltenden physisch-oceanischen Zustände
waren indessen noch sehr unvollständig bekannt. Unsere Kenntnifs derselben
beschränkte sich fast allein auf eine ungefähre Vorstellung der Verhältnisse an
der Oberfläche, während gerade eine genauere Untersuchung der Gestalt des
Meeresbodens und der Wärmevertheilung in der Tiefe sehr erwünscht gewesen
wäre, welche Aufschlüsse von gröfstem Interesse für die hydrographische
Wissenschaft zu geben vermöchte, besonders hinsichtlich der Beantwortung der
Frage, ob durch diese Strafsen aus dem Polarmeere so vieles und so kaltes
Wasser in das atlantische Becken einfließe, um dessen niedrige Temperatur in
den gröfseren Tiefen erklärlich zu machen.
1) Dieser in der „Königlich dänischen geographischen Gesellschaft“ zu Kopenhagen von. Herrn
Kapitän N. Hoffmeyer gehaltene und in der „Geografisk Tidskrift“, 1878, veröffentlichte Vortrag
wird hier mit Erlaubnifs des Herrn Verfassers in der Uebersetzung nach dem Original mitgetheilt, um
die in demselben dargestellten, bis jetzt noch nnerforscht gewesenen, für-die oceanische Physik des
Polarmeeres wichtigen Strömungs-, 'Tiefen- und 'Pemperatur-Verhältnisse der‘ Dänemark -Straßse
zwischen Island und Grönland auch einem deutschen Leserkreise zugänglicher zu machen. "A, d, R.
Ann. d. Hydr., 1880, Haft IV (April.