einmal zurückzulegen, nennt man die Periode der Welle, sie ist offenbar gleich
der Zeit von einem Hochwasser zum nächsten. Ferner ist die Länge der Welle
der lineare Abstand eines Hochwassers von dem nächsten. Bei sehr langen
Wellen hängt die Länge derselben sowohl, wie die Geschwindigkeit, mit welcher
die Welle sich vorwärts bewegt, wesentlich nur von der Tiefe des Wassers ab,
wie wir später sehen werden.
2. Die kreisförmige oder elliptische Bewegung der Wassertheilchen wird
mit gleichförmiger Geschwindigkeit vollzogen, Denken wir uns diese gleich-
/örmige Geschwindigkeit im Kreise in eine geradlinige horizontale und eine
cbensolche verticale Bewegung zerlegt, deren Resultante also die Kreisbewegung
ist, so werden die Componenten alle Werthe von Null bis zu der vollen Ge-
achwindigkeit im Kreise haben, und zwar sieht man leicht, dass die grösste
Geschwindigkeit in horizontaler Richtung dort stattfinden muss, wo die Be-
wegung in verticaler Richtung gleich Null ist, d. h. auf dem Gipfel und im Thale
der Welle, wo das Wasserthoilchen sich parallel zur Ebene des Horizonts
bewegt, im ersten Falle vorwärts, im letzteren rückwärts gerichtet, — oder, wie
wir es bei den Fluthwellen ausdrücken würden, die grösste Geschwindigkeit
in horizontaler Richtung, d. h. der stärkste Strom, findet statt im Augenblicke
des Hoch- und Niedrigwassers. Dagegen hat die verticale Bewegung ihr
Maximum, wenn die horizontale gleich Null ist. Dies tritt ein, sobald die Be-
wegung des Wassertheilchens senkrecht auf der Ebene des Horizonts ist, oder
wenn das Wassertheilchen das mittlere Niveau passirt. In diesem Augenblicke
hat das Partikel auch seine grösste horizontale Entfernung von der Ruhelage
erreicht, und beginnt von nun an sich in der, sciner vorherigen Bewegung ent-
zegengesetzten Richtung zu bewegen, d. h. im Falle der Fluthwellen, es ist
Stromwechsel in dem Augenblicke, wo das Wasser sein mittleres Niveau passirt,
und zwar strömt das Wasser nach vorwärts, so lange der Wasserstand höher
ist wie Mittelwasser, nach rückwärts, so lange derselbe niedriger ist. Bezogen
auf Hoch- und Niedrigwasser können wir das’ Vorhergehende auch so aus-
sprechen: Der Uebergang des Fluthstroms in Ebbestrom (der Vorwärts- in die
Rückwärtsbewegung) findet 3 St. 6 Min. (eine viertel Periode) nach Hochwasser,
und der Uebergang von Ebbestrom in Fluthstrom (der Rückwärts- in die Vorwärts-
bewegung) um ebenso viel nach Niedrigwasser statt. Dies ist so ziemlich das
Gegentheil von der gewöhnlichen Vorstellung, nach welcher der Stromwechsel
mit Hoch- und Niedrigwasser zusammenfällt und jede Abweichung hiervon als
Ausnahme betrachtet wird; wir werden gleich sehen, dass diese Auffassung auch
für beinahe alle Fälle, die gewöhnlich zur Beobachtung kommen, ihre Be-
rechtigung hat. ;
3. Das Vorhergehende bezieht sich nämlich auf solche Wellen, welche
in ihrer Bewegung und Fortpflanzung keine Hindernisse finden. Jedes Hinder-
hiss bringt Modificationen in der Gestalt der Welle sowohl, wie in der Bewegung
der einzelnen Wassertheilchen hervor, von denen natürlich die ersten (Aenderung
der Gestalt der Welle) eine Folge der Aenderungen der Bewegung der Wasser-
partikel sind. Diese Modificationen bestehen darin, dass die vorher symmetrische
Welle (symmetrisch mit Bezug auf eine durch ihren höchsten Punkt gedachte
Verticale) nun unsymmetrisch, nämlich an der voranschreitenden oder vorderen
Seite steiler, auf der hinteren flacher wird. Die Folge ist, dass, bei un-
geänderter Periode, das Steigen des Wassers kürzere Zeit, das Fallen längere
Zeit in Anspruch nimmt als in der ungestörten Welle, wo beides gleich lange
dauerte. Gleichzeitig wird die Welle höher und nimmt mit der Steigerung der
Hindernisse an Höhe immer mehr zu. Endlich, was für uns das Wichtigste ist,
verschiebt sich die Zeit, wo die Wassertheilchen ihre Bewegung umkehren (die
Zeit des Stromwechsels), mit steigenden Hindernissen immer näher nach Hoch-
and Niedrigwasser, so dass das Zeit-Intervall zwischen Hochwasser und dem
nachfolgenden Stromwechsel immer kleiner wird und in gewissen Fällen gleich
Null werden kann, Letzteres, das Zusammentreffen von Hochwasser und Strom-
wechsel, tritt dann ein, wenn .die Welle auf eine feste Schranke trifft. Dies
ist der Fall bei allen Küsten, welche von der Fluthwelle senkrecht, oder bei-
nahe senkrecht getroffen werden und da, wie wir sehen werden, ein allmählich
zur Küste ansteigender Meeresboden auch eine parallel mit der Küste fort-
schreitende Welle so beeinflusst, dass das Wasser schon aus gewisser Entfernung