accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 8 (1880)

beobachten im Gegentheil zwei fortschreitende Wellen und damit fällt die 
Möglichkeit einer Erklärung durch eine stehende Welle fort. Ausserdem ist 
die Entstehung einer stehenden Welle ein Spiel des Zufalls, deun sie ist an die 
Bedingungen geknüpft, 1) dass die beiden’ interferirenden Wellen völlig gleich 
sind und 2) dass ihr Fortschreiten genau in entgegengesetzter Richtung erfolgt. 
Jede Abweichung macht die stehende Welle unmöglich. Selbst in dem Falle, 
wo man am ehesten Ursache hat, eine stehende Welle zu: erwarten, - nämlich 
bei senkrechter Reflexion einer ursprünglich. fortschreitenden. Welle von einer 
festen Barriere, macht die Reibung dies wieder unmöglich, und wir erhalten 
auch hier wieder eine fortschreitende Welle (Airy: „Tides and waves“, 
Art, 333). 
Die Interferenz ungleich hoher, oder unter einem Winkel auf einander 
treffender Wellen hat jederzeit, wie leicht nachweisbar, eine fortschreitende 
Welle zur Folge, deren Fortpflanzungsrichtung durch die höhere Welle bestimmt 
wird. Durch-die Interferenz wird sie in Höhe und in Bezug auf die HEintritts- 
zeit einer bestimmten Phase (Hochwasser z. B.) modificirt, verhält sich aber in 
allen andern Beziehungen so, als wenn sie eine einfache Welle wäre; ganz be- 
sonders bleibt die Beziehung der Zeit des Stromwechsels zu der Zeit des Hoch- 
wassers dieselbe, wie bei einer einfachen Welle; wir würden also, wenn die 
Kanalwellen durch Interferenz entstanden sind, erwarten müssen, dass der Ver- 
spätung der Hochwasserzeit an auf einander folgenden Küstenpunkten eine 
ebensolche Verspätung der Zeit des Stromwechsels entsprechen werde, wie es 
ausserhalb der „Kanalströmungen“ Beechey’s der Fall ist. Da die Beobach- 
tungen nun ergeben, dass dies nicht der Fall ist, so werden wir uns nach andern 
Ursachen zur Erklärung der Strömungserscheinungen umsehen müssen, und wollen 
wir zu dem Ende zunächst einige‘ Ergebnisse der Theorie, wie sie in dem oft 
citirten Werke von Airy abgeleitet worden sind, vorläufig ohne Begründung, 
mittheilen, den theoretischen Beweis einer späteren Gelegenheit vorbehaltend, 
Das Folgende, die Anwendung der theoretischen Untersuchungen Airy’s über 
die Wellenbewegung in Kanälen auf die Strömungen, wird dazu dienen, die hohe 
Wichtigkeit derselben für eine rationelle Behandlung der Gezeitenerscheinungen 
zu zeigen, 
3. Erklärung der Strömungserscheinungen auf Grund von Airy’s 
theoretischen Untersuchungen über Wellenbewegung. 
Die hier zur Anwendung kommenden Sätze sind folgende: ; 
1. Wasserwellen entstehen dadurch, dass die Wassertheilchen sich in 
Kreisen oder Ellipsen mit gleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Ruhelage als 
Mittelpunkt bewegen, und zugleich das mehr vorwärts gelegene Partikel sich 
etwas später in Bewegung setzt, wie das vorhergehende. 
Dadurch, dass die auf einander folgenden Wassertheile gleichzeitig in 
den verschiedensten Phasen ihrer oscillatorischen Bewegung sich befinden, erhält 
die Oberfläche des Wassers die Gestalt, welche wir eine Welle nennen. Die 
eine Hälfte der Welle ist höher, wie das mittlere Niveau, die andere ist eben 
so viel unter dieses herabgedrückt. Den höchsten und tiefsten Punkt erreicht 
die Welle dort, wo die Wassertheilchen auf ihrer kreis- oder ellipsenförmigen 
Bahn die grösste vertikale Erhebung über, oder Depression unter das mittlere 
Niveau erreicht haben, was senkrecht über und unter ihrer Ruhelage stattfindet, 
Indem nun nach und nach die vorwärts gelegenen Theilchen in die höchste 
Lage rücken und die rückwärtigen davon herabsinken, rückt die Welle vorwärts, 
Dies Vorwärtsschreiten der Welle oder der Gestalt des Wasserspiegels darf 
nicht verwechselt werden mit der Bewegung der Wassertheilchen selbst. Letztere 
beschreiben um ihre Ruheläge als Mittelpunkt Kreise oder Ellipsen, entfernen 
sich also nie sehr weit von ihrer Ruhelage. Man nennt die Wellen kurz. oder 
lang, je nachdem die Entfernung von einem Scheitel zum nächsten klein oder 
gross ist; im ersten Falle ist die Bewegung der Wassertheile genau, oder sehr 
nahezu. kreisförmig, im andern geschieht sie in einer langgestreckten Ellipse, 
deren grosse Achse horizontal ist, und deren kleine.Achse gleich dem Unterschied 
zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkte der Welle ist, welchen man bei 
den Fluthwellen die „Grösse des Fluthwechsels“, oder mit Lentz die „Fluth- 
yrösse“ nennt. Die Zeit, welche die Wassertheilchen gebrauchen, um ihre Bahn
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.