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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 39 (1911)

Neuere Veröffentlichungen. 
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Für den heutigen Seemann sind physikalische Kenntnisse dringend nötig. Aber gerade hier zeigt 
sich der schwere Nachteil der stereotypen Fragen und Aufgaben der schriftlichen Prüfung, auf die 
aus Zeitmangel und wegen des Fehlens jeder Vorbildung der Schüler gepaukt werden muß, wenn 
der Prüfling kein leeres Blatt abgeben will, und auf das ohne Nutzen für physikalisches Verständnis 
gedrills werden kann, wenn die schriftliche Prüfung vorwiegend maßgebend bleibt, und der münd- 
lichen, wenigstens in diesem Fache, .nicht das überwiegende Gewicht beigelegt wird. Im Zusammen- 
hange damit mag die Tatsache erwähnt werden, die auch von den Verfassern gerügt wird und die 
gar nicht scharf genug gerügt werden kann, daß physikalische Apparate an einer Reihe von Schulen 
überhaupt nicht vorhanden sind, so daß die Physik als »Kreidephysik« an der Wandtafel vorgetragen 
werden muß, « 
Der Unterricht kann nicht kritisiert werden, ohne daß gleichzeitig der Lehrer und der Lehr- 
bücher gedacht wird. Hiervon handeln das fünfte und das sechste Kapitel. Diese möchte ich 
der Beachtung der Stellen, die über Lehrkräfte und Lehrbücher zu entscheiden 
haben. ganz besonders empfehlen. Die Verfasser rügen hier mit Recht, daß viele Lehrer 
einen Mathematik- und Physikunterricht im sonst üblichen Sinne überhaupt nicht genossen haben 
und erst im Alter zwischen 40 und 50 Jahren dazu kommen, eine geregelte Lehrtätigkeit aus- 
zuüben, durch die sie ihre Lehrmethode ausbilden können. Das ist ein schwerer Schaden für das 
ganze Navigationsschulwesen, denn »die besten Prüfungsvorschriften der Reichsregierung 
können nichts nützen, wenn nicht die Seebundesstaaten durch Hebung ihrer Navi- 
gationsschulen, insbesondere durch geeignete Wahl und gründliche Ausbildung der 
Lehrer, dem Fortschritt den richtigen Boden bereiten.« Die auf Seite 50 ausgesprochene 
ideale Forderung, daß die Lehrer erst als Seelcute praktisch und dann auf einer Universität oder 
technischen Hochschule theoretisch ausgebildet werden sollten, läßt sich, wie die Verfasser selbst zugeben, 
nur schwer verwirklichen, da die genannten Hochschulen sich bei der geringen Zahl der Navigations- 
lehrerstellen der Ausbildung von Neeleuten zu künftigen Navigationslehrern kaum annehmen können, 
Vor der Hand dürfte es sich daher empfehlen, das Beispiel ciniger nichtpreußischer Anstalten nach- 
zuahmen und Seemannschaft vorwiegend durch seemännisch geschulte, Mathematik, Physik und 
Astronomie vorwiegend durch wissenschaftlich gebildete Kräfte lIchren zu lassen. Damit das Zu- 
sammenarbeiten beider Arten von Lehrern auf beide Teile in gleicher Weise fördernd wirke, wäre dann 
allerdings zu wünschen, daß nach dem Vorgange von Bremen beide Arten von T.chrern pekuniär gleich 
gestellt würden, 
Der Mangel an gründlicher theoretischer Vorbildung eines Teiles der Navigationslehrer zeigt 
sich auch in einigen Lehrbüchern, dic, wie die Verfasser an einigen Beispielen nachweisen, besonders m 
den physikalischen Teilen, oft recht erhebliche Unrichtigkeiten enthalten und in pädagogischer Hinsicht 
sehr verbesserungsbedürftig sind. 
Auch der mathematische Teil der meisten nautischen Lehrbücher läßt fast überall noch zu 
wünschen übrig, wie die Verfasser eingehend auseinandersetzen. Es ist lebhaft zu wünschen, daß 
alle diese Bücher mehr als bisher von modernem Geiste durchdrungen werden, Reichlich scharf, 
wenn auch in einigen Punkten zutreffend, scheint mir die Kritik des mathematischen Teiles der 
Breusingschen »Steuermannskunst« ausgefallen zu sein, (Da die Verfasser des hier besprochenen 
Buches auch Mitverfasser der »Steuermannskunst« sind, ist diese Kritik von Herrn v. Schaper ver- 
Iaßt worden), Es zeugt von der großen Objektivität der Verfasser, von ihrem ernsten Bestreben, durch 
sachliche Urteile der Förderung des Navigationsschulwesens zu dienen, daß sie diese scharfe Be- 
sprechung ungekürzt aufgenommen haben. 
Im siebenten, dem Schlußkapitel, geben die Verfasser, nachdem sie auf den gar zu konser- 
vativen Geist, der aus der praktischen Seefahrt auch in die Navigationsschulen übergegangen ist, hin- 
gewiesen haben, ein Bild von den Reformbestrebungen, die jetzt überall sichtbar werden, MDurchaus 
einverstanden bin ich mit der Forderung, daß nicht so sehr ein größeres Quantum, als vielmehr eine 
Vertiefung‘ des Wissens anzustreben ist, einverstanden auch damit, daß sowohl unser Prüfungswesen 
als nuch die Organisation unsrer Navigationsschulen gebessert werden muß, wenn der Drill in Schulung 
verwandelt werden soll. Dagegen halte ich den Vorschlag der Errichtung einer Oberklasse (8, 81) 
für unwesentlich. Es würde nichts schaden, wenn diese Spitze auf das Gebäude hinaufgesetzt würde; 
aber die Krankheit, an der die Ausbildung unserer Seeleute leidet, würde durch sie nicht kuriert werden. 
Der Hauptmangel in der Erziehung unseres Schiffsoffiziernachwuchses scheint mir darin zu liegen, daß 
viele Seeleute eine zu geringe Vorbildung erhalten haben, ferner daß die Kurse viel zu kurz sind, und 
schließlich daß ein sehr großer "Teil der Seeleute gerade in den Lebensjahren, in denen der Geist noch 
schmiegsam ist, so gut wie gar keine geistige Nahrung empfängt. Während des Aufenthalts im Matrosen- 
logis verkümmert der Intellekt sehr häufig aus Mangel an Übung, oft in erschreckender Weise, wie wir 
Lehrer der Navigationsschulen feststellen können. (Vgl. auch J. Krauß in der »Hansa, Jahrg. 8, 
S. 560). Der hierdurch erzeugte Verlust wird durch die in dieser Zeit vielleicht erlangte praktische 
Geschicklichkeit nicht wett gemacht und ist später kaum. wieder einzuholen. Hieran werden auch 
alle Verschärfungen der Prüfungsvorschriften nichts ändern.. Das einzige Heilmittel liegt meiner 
Meinung nach in der Einführung der Vorschrift, daß der Schiffsoffizierersatz von Beginn seiner 
Schiffsjungenzeit an nur auf solchen Schulschiffen vorgebildet werden darf, die unter hinreichender 
Aufsicht stehen. Es soll hier nicht erörtert werden, ob alle bisher eingerichteten Schulschiffe zu 
Ausstellungen keinen Anlaß geben. Ich möchte nur meiner Überzeugung Ausdruck geben, daß eine 
Weiterführung der geistigen Ausbildung von der Volks-, Mittel. oder höheren Schule bis zur Navi- 
gationsschule durch die ganze praktische Lehrzeit hindurch- dringend gewünscht werden muß, In 
absehbarer Zeit dürfte eine solche Weiterbildung kaum zu erhoffen sein, da große Widerstände und 
praktische Schwierigkeiten ihrer Durchführung entgegenstehen. Als strategisches Ziel in dem Kampfe 
um eine bessere Ausbildung unseres ‚Seemannsstandes möchte ich es aber doch festgestellt wissen, 
wenn ich auch über die taktischen Maßnahmen mich an dieser Stelle nicht ausführlich äußern möchte.
	        
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