56
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1911.
an der Küste nicht vor; vom 23, bis 27. stellte sich teilweise an der Nordseeküste
heiteres Wetter ein. Nebel trat häufiger auf, im größten Teile des Küsten-
gebiets am 6., 16., und 80. sowie an der Nordseeküste am 24. und 25. Gewitter
wurden bis zum 9., mit Ausnahme des 6. täglich beobachtet, besonders an der
Nordsee.
Der ungewöhnlich tiefe Barometerstand erklärt sich dadurch, daß das
Küstengebiet den ganzen Monat hindurch unter dem Einfluß barometrischer
Depressionen stand, die fast alle in west-Östlicher Richtung vorüberzogen. Allen-
falls kann man den 27, als Ausnahme bezeichnen, da an diesem Tage wenigstens
die Ostseeküste von relativ hohem Luftdruck bedeckt wurde, Am 1. November
lag eine tiefe Depression mit ihrem Kern über der nördlichen Nordsee bei hohem
Luftdruck über Südwesteuropa. Es entwickelten sich stürmische Winde, die aus
südwestlichen, im äußersten Osten aus südlichen Richtungen wehten. Da sich
jedoch über Nordosteuropa ein Hochdruckgebiet einstellte, das erst allmählich
zurückwich, so änderte die Depression ihren Ort anfangs nur sehr wenig und
verflachte sich unter Abflauen der Winde, Am 4, verlagerte sie ihren westlichen
Teil südostwärts und bedeckte an diesem Tage fast ganz Europa. Dabei traten
drei gesonderte, flache Zentren hervor und die Winde blieben schwach; die
Temperaturen sanken nahe auf den Gefrierpunkt. Bei dem Auftreten von er-
heblichen Temperaturgegensätzen auf relativ kurze Entfernungen stellten sich
mehrfach Gewitter ein. Am 5. schritt das Tiefdruckgebiet nordostwärts weiter;
ihm folgte ein neues von den Britischen Inseln her, das am 7. mit starker Er-
wärmung stürmische südwestliche Winde mit sich brachte. Auch diesem folgte
wieder ein Tiefdruckgebiet nach, so daß bis zum 12. die stürmischen südwest-
lichen Winde bestehen blieben, die beim Vorübergang der Depressionen im
Westen der Küste nach nordwestlichen Richtungen übergingen. Im äußersten
Osten blieben während dieser Zeit die Temperaturen ziemlich niedrig. Wiederum
folgte eine Depression der schnell ostwärts abziehenden nach. Während des
Vorüberganges des beide Tiefdruckgebiete trennenden Hochdruckrückens am 13.
flaute der Wind ab, um schon am 14. im Bereiche der neuen Depression, zunächst
aus südlichen Richtungen, wieder stark aufzufrischen. Da sich indessen über
Nordosteuropa ein Hochdruckgebiet in den Weg stellte, so blieb diese Depression
längere Zeit mit geringer Ortsveränderung über West- und Zentraleuropa
liegen. Die Winde flauten ab und die Temperaturen sanken allmählich tiefer,
Die Depression blieb bis zum 23. November über Mitteleuropa liegen, wo sie sich
mit einem vom Mittelmeer stammenden Tiefdruckgebiet vereinigte und dann
nordwärts schritt. Bemerkenswert während dieses Zeitraumes ist nur der 19.
und 20., wo beim Verlagern eines Tiefdruckkerns von Ostdeutschland nach Süd-
schweden die Winde an der östlichen Ostsee stark auffrischten. Vom Westen
her stellten sich nun neue Tiefdruckgebiete ein, die sich jedoch ebenfalls nur
ganz langsam ostwärts verlagerten, da über Osteuropa das dort lagernde Hoch-
druckgebiet stark zugenommen hatte. Dieses zeigte am 27., wo bei südöstlichen
Winden überall stärkerer Forst eintrat, einen Stand von über 790 mm über dem
Innern Rußlands, Am 28, rückte die Depression näher heran, sodaß die südöst-
Kchen Winde stark auffrischten und allmählich nach Südwest übergehend, einen
stürmischen Charakter annahmen. Damit verschwand auch zugleich der Frost
wieder. Der Kern des Tiefdruckgebiets verlagerte sich unter Abflauen des
Windes am 29. nach Südnorwegen und dann weiter nach Nordskandinavien,
während eine Teildepression vom Westen her nach Frankreich vordrang. So
blieb das ziemlich milde Wetter bis zum Monatsschluß bestehen.
Druck und Verlag von E. S. Mittler & Sohn, Königliche Hofbuchhandlung und Hofbuchdruckerei
Berlin SW. Kochstraße 68—71.