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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 39 (1911)

v. Horn, A.: Eigenschaften unter dem Einflusse der Gezeiten stehender Flußläufe usw. 607 
wofür es nicht bestimmt ist, und zwar auf Kosten der Tiefe in dem N-W.-Bett. Ein 
großer Teil der vertiefenden Kraft des Stroms wird auf das H-W.-Bett übertragen, 
außerdem bei der Üherströmung der das N-W.-Bett begrenzenden Leitdämme ein 
großer Teil der lebendigen Kraft der Flutwelle in Aufstauungen verloren gehen. Als 
Beleg für die Unzweckmäßigkeit einer solchen Methode kann das Längenprofil der 
Sohle in der Strecke Brake— Nordenham im Jahre 1895 dienen, in der die Tiefe 
keineswegs regelmäßig ist und die gewünschte Tiefe bei weitem nicht überall er- 
reicht ist. Gleiche Erfahrungen hat man auch in den Niederlanden gemacht. 
Alle Ströme haben vor ihrer Regulierung einen mehr oder weniger ge- 
krümmten Lauf, Es.gibt also die Natur selbst den Weg an, der, ohne, Zwang 
auf sie auszuüben, zu einer befriedigenden Lösung führen kann. Es kömmt in 
der Hauptsache darauf an, den Krümmungen durch Stromwerke eine solche Form 
zu geben, wie sie für die Erlangung einer durchgehenden genügenden Tiefe 
wünschenswert ist. 
6. Regulierungsmethode auf der Unterelbe. 
Außer diesen beiden Systemen Fargue und Franzius findet bei der 
Regulierung der Unterelbe ein drittes System Anwendung, das nur zum Teil die 
aus den Eigenschaften der unter dem Einfluß der Gezeiten stehenden Ströme ab- 
geleiteten allgemeinen Regeln beibehält, zum Teil davon abweicht, und im übrigen 
dem besonderen Charakter der Unterelbe Rechnung trägt. 
Da jede Regulierung eines unter dem Einfluß der Gezeiten stehenden 
Stromlaufes darauf hinauskommt, die Flutwassermenge zu vermehren und zur 
Vertiefung dienstbar zu gestalten, also die Flutwelle zu beleben und in ihrem 
Lauf nach oben möglichst alle Hindernisse zu beseitigen, so ergeben sich daraus 
die grundlegenden Maßnahmen, die in von oben nach unten allmählich zu- 
nehmenden Breiten des regulierten Stromlaufes, also in einer trichterförmigen 
Ausbildung desselben von der Flutgrenze bis zur Mündung, soweit diese über- 
haupt regulierbar ist, sowie ferner in einem regelmäßig schlängelnden. Lauf mit 
schwachen Krümmungen bestehen und auch für die Unterelbe beibehalten werden, 
Die Abweichungen von den allgemeinen Regeln beziehen sich auf die 
nicht unwichtige Höhe der Werke und darauf, daß die Krümmungen nicht all- 
mählich ineinander übergehen, wie das System Fargue vorschreibt. Zur Be- 
gründung dieser Abweichungen kann folgendes dienen: 
Im allgemeinen haben mächtige Ströme wie die Elbe stromabwärts zu- 
nehmende Tiefen, so daß auf der unteren Stromstrecke die Regulierung nicht 
so sehr auf die Bildung und Erhaltung der für die große Schiffahrt erforder- 
lichen Tiefen Rücksicht zu nehmen hat, als vielmehr darauf, daß in erster Linie 
die Flutwassermenge eine Vermehrung erhält und in zweiter Linie diese’ durch 
Konzentration auf das eigentliche Fahrwasser vertiefend einwirkt, Im weiteren 
Verlauf aufwärts nehmen die Tiefen allmählich ab, infolgedessen die Regulierung 
der oberen Stromstrecke mehr der Vertiefung dienstbar gemacht werden muß, 
womit zugleich der vermehrten Flutwassermenge Gelegenheit gegeben wird, un- 
gehindert aufwärts zu dringen, und die bestehenden Hindernisse für die Belebung 
der Flutwelle beseitigt werden. Diesen verschiedenen Zwecken kann nur dadurch 
Rechnung getragen werden, daß der Stromlauf unter allmählich nach ‘oben 
abnehmenden Breiten beiderseits durch Stromwerke begrenzt wird, deren Höhe 
in den neuen Begrenzungslinien von N-W. an der Mündung allmählich in gerader 
Linie bis auf H-W. an der Flutgrenze ansteigt. Je weiter die Flutwelle aufwärts 
dringt, desto größer gestaltet sich durch diese Höhenlage der Werke die Kon- 
zentration der Strömungen auf das Fahrwasser und damit dessen Vertiefung, in- 
dem Strömungen und Fahrwasser zur Einhaltung ein und desselben Weges bei 
Flut und bei Ebbe in stärkerem Maße gezwungen werden. Je mehr die Flut- 
welle dadurch belebt wird, desto mehr muß sich auch die Flutgrenze aufwärts 
verschieben als Folge der aufwärts zunehmenden Senkung des Niedrigwasser- 
spiegels und der damit verbundenen‘ Zunahme‘ der Flutwassermenge. 
Durch eine derartige Anordnung der. Stromwerke wird gleichzeitig den 
bei der Regulierung. nicht aufzuhebenden, der kleinen Schiffahrt und der Ent-
	        
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