500 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1911.
des Seewassers wirkt aufstauend und verursacht somit eine Erhöhung des Ebbe-
wasserspiegels in größerer Tiefe (Fig. 6), wodurch das Ebbewasser nach allen
Richtungen anströmt und sich je weiter von der Mündung in desto dünneren
Schichten über das Seewasser verteilt, Nach und nach nimmt das Ebbewasser
des Tidestroms die Richtung des Küstenstroms an.
Gegen das Ende der Ebbe, wenn das Ebbewasser leichter wird, dringt
das Seewasser zuerst auf den tiefsten Stellen längs der Sohle in die Mündung
ein. Das Kentern von Ebbe in Flut tritt somit auch zuerst in den größten
Tiefen ein und setzt sich in diesen auch noch ziemlich weit aufwärts fort. Der
größere Druck durch das Seewasser auf die untersten Schichten des Ebbewassers
ist nicht nur in dem Augenblick von Einfluß, wenn das Seewasser längs der
Sohle in den Flußlauf eindringt, sondern bleibt auch während der ganzen Tide
in dem Teil des Flusses bestehen, wo das Wasser, ohne süß zu sein, weniger
Salzgehalt als das Seewasser hat, und zwar in der Weise, daß in diesem Teil
das Verhältnis ‘© schwindiekeit an der Oberfläche yo; Ebbe größer als bei Flut ist.
Geschwindigkeit längs der Sohle
Während der Flut schiebt sich nämlich das Seewasser in den Fluß hinein wie
ein Keil, dessen Spitze sich längs der Sohle bewegt. Stellt Fig. 4 das Längen-
profil der Mitte eines Tidestroms dar, in dem die Punkte von gleichem spezi-
fischen Gewicht miteinander verbunden sind, so erhält man geneigte Linien in
der Stromstrecke, in der das Wasser an Salzgehalt zunimmt und aus Süßwasser
in Seewasser übergeht. Die Stromstrecke, in der das Wasser mehr oder weniger
brack ist, verschiebt sich bei Ebbe seewärts und bei Flut aufwärts, während
auch deren Länge nicht konstant ist. Zu dem Zeitpunkt, daß in dem Querprofil,
in dem das Wasser genau das spezifische Gewicht von Süßwasser hat, Kentern
von Flut auf Ebbe stattfindet, hat die Stromstrecke mit brackem Wasser die
größte Länge, dagegen bei Kentern von Ebbe auf Flut in dem Profil ihre kleinste
Länge. Verlängerung erfolgt durch Zufluß von Süßwasser von oben und von
Salzwasser aus See, Verkürzung durch Abfluß von Brackwasser nach See. Da
der Druckunterschied zwischen dem am meisten aufwärts belegenen Querprofil,
in dem der Salzgehalt dem des Seewassers gleichkommt, und dem nächsten
Profil mit ausschließlich Süßwasser in jeder bestimmten Tiefe konstant ist, so
wird die erwähnte Auswechselung von Wasser verschiedenen Salzgehalts zwischen
dem oberen und dem unteren Ende der von diesen beiden Profilen begrenzten
Strecke am kräftigsten bei der kleinsten Länge derselben, somit das Gefälle
der Linien, die in dem Längenprofil (Fig, 4) die Punkte mit gleichem spezifischen
Gewicht verbinden, am größten sein.
Die Folgen der Auswechslung des Wassers zwischen den verschiedenen
Profilen bestehen unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die ganze Strom-
strecke in Bewegung ist, nun darin, daß bei Ebbe die Geschwindigkeit an der
Oberfläche groß und auf der Sohle klein im Verhältnis zur mittleren Ge-
schwindigkeit ist, bei Flut dagegen das Umgekehrte stattfindet, außerdem während
der Ebbe ein Teil des bei Flut zugeführten Seewassers in dem Fluß zurückbleibt.
Indem der Einfluß von Süßwasser von oben nicht aufhört und das Wasser in
See einen ziemlich konstanten Salzgehalt hat, werden die Linien von gleichem
spezifischen Gewicht in dem Längenprofil auch niemals horizontal verlaufen
können,
Die Verteilung der Stromgeschwindigkeit in einer Vertikalen kann nach
dem Vorangegangenen graphisch wie in Fig. 5 dargestellt werden. Ist ADCB
das normale Verhältnis der Stromgeschwindigkeiten in einer Vertikalen AB, so
kann infolge des Einflusses des verschiedenen spezifischen Gewichts von Salz-
und Süßwasser dieses Verhältnis in der Stromstrecke mit brackem Wasser während
Ebbe durch eine Kurve AD’C’B und während Flut durch eine Kurve AD”C”B
bezeichnet werden. In den Querprofilen findet ähnliches statt, indem während
der Flut das schwerere Seewasser zuerst dahin kommt, wo Geschwindigkeit und
Tiefe am größten sind, das leichtere Brackwasser dagegen nach den Ufern und
aufwärts dringt. Während der Ebbe wird durch die größere mittlere Geschwindig-
keit in der Mitte der Querprofile das Wasser zuerst in der Mitte, und zwar an