v. Horn, A;: Eigenschaften unter dem Einflusse der Gezeiten stehender Flußläufe usw. 597
stellt, wofür V abgeleitet ist. Diese Formel ist nur bei bekannter Wellenform
anwendbar,
Patriot gibt in seiner »Etude sur les Rivieres ä Marde et sur les estuaires«
folgende von Barre de St. Venant abgeleitete Formeln an:
U = 2VgH-—2yVgFN
V=VzH+U—-U
in der U = Stromgeschwindigkeit, H = Tiefe, H’ = Tiefe für den Wasserstand,
bei dem U = 0 ist, U’ = Geschwindigkeit, wenn der Strom nur das Oberwasser
abzuleiten hat,
Für die praktische Anwendung haben diese genannten Formeln nur geringen
Wert. Im allgemeinen scheinen sie für mächtige Flußläufe mit bedeutendem
Tidenhub bessere Ergebnisse zu erzielen als auf weniger mächtigen Flüssen, bei
denen der Einfluß der Reibung und des Widerstandes in den Krümmungen höchst-
wahrscheinlich größer ist. Die schlechten Ergebnisse mit den Formeln sind ver-
schiedenen Ursachen zuzuschreiben, Abgesehen davon, daß sie sich auf einen
kanalförmigen Querschnitt beziehen, also der Form des Strombettes und dem
Einfluß der verschiedenen bekannten und unbekannten Kräfte keine Rechnung
tragen, gelangt in ihnen nicht der Widerstand zum Ausdruck, den die auf-
wärts dringende Flutwelle durch das entgegenströmende Ebbewasser
erleidet. Aus den berechneten und faktisch beobachteten Werten für die Fort-
pflanzungsgeschwindigkeit ergibt sich vergleichsweise, daß sie nicht nur beträcht-
lich voneinander verschieden, sondern daß erstere selbst abwechselnd größer und
kleiner als letztere sind. Nur die übersichtliche Form, in der der Einfluß der
Faktoren Tiefe und Flutgröße auf die Größe der Fortpflanzungsgeschwindigkeit
angegeben wird, gibt ihnen einen gewissen Wert.
3. Tidenhub.
Außer der Fortpflanzungsgeschwindigkeit muß auch der Tidenhub zur
Bestimmung der aufgenommenen Tidewassermenge bekannt sein. Ist der Tiden-
hub in See vor der Mündung bekannt, so kann man nicht mit Hilfe von Formeln
den Tidenhub aufwärts ableiten. Der Einfluß einer entworfenen Stromregulierung
auf die Tidenhübe läßt sich deshalb auch nur annähernd durch Vergleichung mit
bestehenden Zuständen bestimmen. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die
Tidenhübe im Flußlauf aufwärts desto größer im Verhältnisse zu dem Tidenhub
in See sind, je kleiner die bei der Gezeitenbewegung erzeugten Stromgeschwindig“
keiten sind, wie sich aus der folgenden Erklärung ergibt. ;
Der Tidenhub ist von der Wasserbewegung, d. i. von Stromgeschwindigkeit
mal Profilinhalt abhängig, also proportional der ersten Potenz der Strom-
geschwindigkeit. Alle der Gezeitenbewegung entgegenwirkenden Kräfte, wie
Reibung, Widerstand in Krümmungen, Wirbelbildungen, Reaktionen, Über-
windung der Ebbeströmung, Querströmungen, Stromübergänge usw. sind pro-
portional dem Quadrat der Stromgeschwindigkeit. Es wird daher eine niedrige
Flutwelle, die geringe Stromgeschwindigkeiten erzeugt, auf demselben Stromlauf
im Verhältnis weniger an Höhe mit dem Eindringen aufwärts verlieren als eine
hohe Flutwelle, Bei Nipptide nimmt der Tidenhub im Verhältnis weniger ab
als bei Springtide. Tür die Richtigkeit dieser Erklärung können einige Beispiele
dienen:
Bei Sheerness an der Themse ist der Tidenhub bei Springtide bzw. Nipp-
tide 4.90 m bzw. 3.20 m, bei London Bridge dagegen 6.30 m bzw. 4.20 m. Die
prozentische Zunahme des Tidenhubs ist bzw. 28.6 und 31.3%,. Bei der Insel
Lundy im Bristol-Kanal ist der Tidenhub bzw. 8.20 m und 4m, bei Cardiff
dagegen 11.50 m und 6.20 m, die prozentische Zunahme also 40.2 und 55%. In
der Mündung des St. Laurence-Stroms ist der Tidenhub bzw. 4 m und 0,90 m;
bei Quebec dagegen bzw. 5.5 m und 2.40 m, die Zunahme demnach 37.5 m und
166.6°%,. Bei Pointe de Grave an der Mündung der Gironde ist der Tidenhub
bzw. 4.10 m und 2.20 m, bei Bordeaux dagegen 4.65 m und 3.75 m, die Zunahme