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Annalen der Hydrographie und Maritinien Meteorologie, November 1911.
Im allgemeinen läßt sich sagen, daß entlang der Nordwestafrikanischen
Küste sich an der Oberfläche eine Wasserschicht von verhältnismäßig niedriger
und gleichmäßiger Temperatur hinzieht. Ihre Ausdehnung nach Süden hin ist
in den einzelnen Monaten etwas verschieden, kann aber, wie es der April 1911
zeigt, von den Kanaren bis 12° S-Br. reichen. Es findet sich hier auf eine
Strecke von fast 1000 Sm in nord-südlicher Richtung eine Oberflächen-
temperatur von 17.0°—18,0°, also von fast konstanter Größe. Das
Temperaturminimum von gewöhnlich unter 17.0° liegt bei Kap Blanco, Vielleicht
spielt hier die Gestaltung des Meeresbodens eine Rolle, da ja an dieser Stelle
die Isobathen bis 2000 m etwas weiter vom Festlande abrücken. In dem Ver-
halten der Ergebnisse der Beobachtungen der beiden Jahre zueinander tritt ein
Unterschied deutlich zu Tage. Während 1910 die Temperatur von unter 18° im
Januar in 20° N-Br., im Februar in 19° N-Br. und im März und April in 18° N-Br.
ihre südlichste Grenze erreicht, liegt diese Grenze im Jahre 1911 im Januar bei
15° N-Br. und im Februar bis April sogar erst bei 12° N-Br.! Das kalte Ober-
flächenwasser von unter 18° erstreckte sich also 1911 bedeutend weiter nach
Süden als 1910.
Das Gebiet zwischen! 12°—11° N-Br. ist charakterisiert durch das plötzliche
schnelle Ansteigen der Temperatur von Norden nach Süden, Wie groß der
Temperatursprung hier sein kann, sei durch ein Beispiel gezeigt. Der Dampfer
‚Lilly Woermann«, Kapt. C. Östereich, fand am 27. Februar 1911 um 8®N auf
11° 15’ N-Br. und etwa 17° W-Lg. eine Temperatur von 25.5°, nach vier Stunden
auf 11° 47’ N-Br. nur noch 17.0°, also eine Differenz von 7.5° auf etwa 35 Sm.
Was den Gang der Temperatur in den einzelnen Monaten betrifft, so steht
der Januar beider Jahre in einem gewissen Gegensatz zu den drei folgenden
Monaten, da im Januar die Temperaturen von weniger als 18° nicht soweit nach
Süden reichen: mit anderen Worten: trotz Vorschreitens der Jahreszeit wird das
Wasser an der Küste, zumal zwischen Kap Blanco und Kap Verde, kälter und
erreicht anscheinend erst im April seine niedrigste Temperatur. Dies gilt sogar
noch für die Umgebung der Kanarischen Inseln, wo im Januar über 18° und
(im Jahre 1910) selbst über 19° beobachtet sind, im März bis April aber Werte
von unter 18°, ja unter 17°, Dies Verhalten stellt eine auch in klimatischer
Hinsicht sicherlich einflußreiche Tatsache dar.
Gleichzeitig mit den Temperaturen wurden auch die Windbeobachtungen
aus den Journalen ausgezogen, Eine Zusammenstellung ergab, daß fast durch-
gängig in allen in Betracht kommenden Monaten beider Jahre zwischen 30°—
10° N-Br. der Wind aus dem Quadranten N—O in durchschnittlicher Stärke 4
wehte. Wenn dieser Wind auch für die Erscheinung des an der nourdwest-
afrikanischen Küste an die Oberfläche dringenden kalten Tiefenwassers mit be-
dingend sein kann, so erklärt sich aus ihm nach dem vorliegenden Material doch
nicht der Unterschied der räumlichen Ausdehnung des Wassers unter 18° an der
Oberfläche in den beiden Jahren. Entweder ist also wohl das vorliegende Material
an Windbeobachtungen noch zu klein oder es spielen auch noch andere Ursachen
eine Rolle, So könnte die Verschiedenheit in der Stromrichtung und -stärke in
den beiden Jahren die Temperaturunterschiede erklären, aber auch hierzu reicht
das zur Verfügung stehende Material an Strombeobachtungen nicht aus.
Was Beobachtungen aus früheren Jahren und von anderer Seite anlangt,
so ergibt ein Vergleich der Isothermen für den Monat Februar in dem Atlas
des Atlantischen Ozeans, herausgegeben von der Deutschen Seewarte 1902, ein
etwas anderes Verhalten der Temperatur. Wenn hier auch, als Resultat lang-
jähriger Beobachtung, die Isothermen von 20° W-Lg. an sehr steil nach Süden
verlaufen, so sind es doch nur die Isothermen von 19° und 20°, d, h. das ganze
Küstengebiet weist im Februar von den Kanaren bis etwa 12° N-Br. eine mittlere
Temperatur zwischen 18.0° und 20.0° auf. Das nach den neuen, nur zweijährigen
Beobachtungen deutlich auftretende Minimum von 16.0°—17.0° bei Kap Blanco
kommt bei den älteren Angaben garnicht zum Vorschein. Im Gegensatz hierzu
gibt Hautreux!) nach fünfjährigen Beobachtungen an Bord der Dampfer der
') A. Hautreux, Temperatures de VAtlantique Nord. Bull. de FInstitut Oc6ganographique,
Monaco 1911.