v. Horn, A.: Einfluß der Abschließung der Zuiderzee auf die Flutgröße außerhalb der Abschließung, 487
eine sich regelmäßig fortpflanzende Flutwelle und eine sich regelmäßig verän-
dernde Flutgröße, wie z. B. Westerschelde, Osterschelde, Dollard, wo das Wasser
an der Mündung bei steigendem Wasser einströmt und bei fallendem Wasser
ausströmt, so wird eine Abschließung in der Mitte die Flutgröße wenig verän-
dern und nur durch die Wirkung der lebendigen Kraft etwas vermehren,
Während nun der nördliche Teil der Zuiderzee einem solchen Meerbusen ent-
spricht, abgesehen von Besonderheiten, wie: Speisung durch mehrere Seegatten,
doppelte Flutgröße am Helder usw., ist der südliche Teil bezüglich der Flutgröße
einem großen Einfluß unterworfen. Es verhält sich dieser Teil einigermaßen
wie der südliche Teil der Irischen See, die als zwei Meerbusen zu betrachten ist,
die etwa in der Breite der Insel Man aneinanderstoßen, Daselbst findet bei der
Mündung (Kanal von St. George) Einströmung statt, während das Wasser fällt,
und Ausströmung, während das Wasser steigt. Der Strom kentert über die ganze
See gleichzeitig, wenn an der Mündung Hochwasser und am Ende Niedrigwasser
ist und umgekehrt.!) Die Irische See enthält somit das meiste Wasser, wenn an
der Mündung Niedrigwasser ist. Die Flutgröße: ist an der Mündung groß, am
Ende sehr groß und dazwischen (Arklowbank) bedeutend geringer.
Der Zeitunterschied von Hochwasser und Niedrigwasser ist zwischen den
Seegatten und Stavoren im Verhältnis zu dem Abstand klein, zwischen Stavoren
und Urk groß, zwischen Urk und Nykerk wiederum klein. Die Flutgröße . bei
Urk ist kleiner als bei Stavoren und bei Nykerk. Das meiste Wasser enthält
die Zuiderzee, wenn am Ende (Nykerk, Oranjesluisen) ungefähr Niedrigwasser
ist, das geringste Wasser, wenn daselbst ungefähr Hochwasser ist. Die Zunahme
in dem nördlichen Teil der Zuiderzee kommt somit aus den Seegatten und dem
südlichen Teil; beim Fallen strömt aus dem nördlichen Teil das Wasser weg
durch die Seegatten und nach dem südlichen Teil, Es läßt sich daher ein Ab-
schlußdamm südlich von dem entworfenen denken, durch den bei gewöhnlicher
Tide mehr Flutwasser durch die Seegatten einströmen würde, als jetzt. der Fall
ist. Bei Ausführung der Abschließung wird der Einfluß des südlichen auf den
nördlichen Teil verschwinden und dadurch letzterer mehr den Meerbusen wie
Schelde, Dollard gleichen. Es werden dann Hochwasser und Niedrigwasser bei
dem Abschlußdamm kurz nach Hochwasser und Niedrigwasser in den Seegatten
eintreten, aber mit einem bedeutend größeren Unterschied als jetzt.
Wenn auch die genannte Zunahme der Flutgröße nach Lage der Sache
nicht mathematisch zu beweisen ist, so lassen sich dennoch dafür hinreichende
Anhaltspunkte finden. So haben praktische Erfahrungen an Ort und Stelle er-
geben, daß eine feste Eisdecke in dem südlichen Teile der Zuiderzee auf die
Flutgröße außerhalb und nahe bei dem Rande der Decke vergrößernd einwirkt,
also den gleichen, wenn auch nicht so bedeutenden Einfluß wie eine Abschließung
nahe bei dem Rande ausübt. Durch den Widerstand des strömenden Wassers
gegen das feststehende Eis, wodurch der nasse Umfang verdoppelt wird, ver-
ringert sich die in dem südlichen Teil der Zuiderzee bei jeder Tide ein- und
ausströmende Wassermenge, infolgedessen die außerhalb des Eisrandes eintretende
Zunahme der Flutgröße innerhalb desselben allmählich abnimmt und weiter in
eine Verringerung der Flutgröße unter dem festen Eis übergeht.
Nach den Beobachtungen an den selbstschreibenden Pegeln im Dezember
1890, Januar und Februar 1891, während welcher Zeit der südliche Teil der
Zuiderzee fest zugefroren war, betrug im Januar 1911 die beobachtete Flutgröße
in Harlingen: 1333 m, in Hindeloopen 762 mm, in Stavoren 541 mm mehr, da-
gegen in Urk 78 mm, in Enkhuizen 133 mm, in Lemmer, Schokland und Kraggen-
burg 80mm, in Elburg und Nykerk 159mm, in Durgerdam 120mm und vor den
Oranjesluisen bei Amsterdam 190mm weniger als die Flutgröße für diesen
Monat sein müßte, In Hindeloopen war die Zunahme am stärksten, die daselbst
um etwas weniger als die Hälfte Erhöhung des Hochwassers und um etwas mehr
als die Hälfte Senkung des Niedrigwassers veranlaßte. In Harlingen waren die
Erhöhung von Hochwasser und die Senkung von Niedrigwasser gleich.
1) Gezeitentafeln, herausgegeben vom Reichs-Marine-Amt. Die Tideströmungen in der Irischen See.