Franzius, O.: Vergleich der Ebbe- und Fluttheorien,
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schleunigungen anbringen. Das ganze Problem wird dadurch aus einem kos-
mischen zu einem irdischen gemacht,
Da die gedachte Fortbewegung auf der Tangente aber dem wirklichen
Geschehen nicht entspricht, muß die Kraft angebracht werden, die die neue
Bewegung erzwingt. .
Zum genaueren Verständnis dieser Kraft sei noch einmal kurz die ge-
dachte zu der wirklichen Bewegung betrachtet.
Bei der Bewegung auf der Tangente entfernt sich die Erde von ihrer
wirklichen Kreisbahn so, als ob eine beschleunigende Kraft in Richtung Sonne—
Erde nach der Tangente zu gerichtet auf sie wirkte.
Alle Punkte der Erde bewegen sich dann auf parallelen Bahnen tangential
von der Kreisbahn fort. Eine solche für jeden Erdpunkt gleiche Bahn ist aber
nur möglich, wenn auf jeden Punkt die gleich große und gleich gerichtete Kraft
zu der neuen Bahn hin wirkt. Man muß also, um die Erde auch nur für einen
Augenblick in die Bewegung der relativen Ruhe zu bringen, nach der Seite der
Tangente hin eine für jeden Punkt gleiche Kraft anbringen, die mit der üblichen
Zentrifugalkraft identisch ist. Man muß dabei ängstlich vermeiden, die Sonne
als Ursprungsort zu nehmen, etwa zu sagen: »eine Kraft, die von der Sonne
fort wirkt«. Diese Zentrifugalkraft hat mit der Sonne nichts zu tun, Sie ist
keine von der Sonne ausgehende, sondern eine Funktion des Unterschiedes der
gedachten Erdbahn des Ruhezustandes gegen die wirkliche Bahn, kann somit
aufgefaßt werden als Funktion des der Erde innewohnenden Beharrungsvermögens.])
So wie sich die Erde nun nicht wirklich auf der Tangente bewegt, so ist
auch die Zentrifugalkraft keine wirklich vorhandene. Darüber muß man sich
bei der ganzen Entwicklung klar sein. Man muß aber mit ihr so rechnen, als
ob sie wirklich vorhanden wäre und sie demgemäß behandeln, Sie ist eine be-
schleunigende Kraft, die aber nicht dem Newtonschen Gravitationsgesetze gehorcht.
Erst wenn man diese Zentrifugalkräfte angebracht hat, darf man auch
die Anziehungskräfte zur Sonne hin hinzufügen und kann dann mit diesen
Kräften an der ruhenden Erde arbeiten, Daß diese Methode gerade davon aus-
geht, die Erde im ruhenden Zustande zu betrachten, ist bisher nicht überall als
das Wesentliche erkannt worden. Es kann nur durch die gleiche. Größe der
Summen der im einzelnen ungleichen Anziehungs- und Zentrifugalkräfte eine Be-
wegung auf gerader Bahn erzeugt werden, etwas, was ja gerade den Voraus-
setzungen entspricht. Aus den Differenzen der zur Sonne gerichteten Anziehungs-
kräfte und der Zentrifugalkräfte ergeben sich dann in bekannter Weise die flut-
erzeugenden Kräfte.
Man könnte die gleiche Untersuchung auch durchführen, wenn man der
Erde die Beschleunigungen von der Sonne fort und zu ihr hin so erteilte, daß
sie in Ruhe bliebe, das Bild wird dadurch aber völlig unklar. Es könnte einem
solchen Verfahren ein Zweck nicht zugesprochen werden. Wozu einen bewegten
Körper durch Hinzufügen entgegengesetzter Bewegungen zur Ruhe bringen,
wenn man die Vorgänge an dem bewegten Körper, wie Theorie 1 es zeigt, schon
völlig klar erkennen kann,
Anders ist es, wenn man mit Kräften arbeiten will, Kräfte kann man,
wenn sie ihre Wirkung äußern sollen, nur an einem ruhenden Körper anbringen.
Wendet man sie auf einen bewegten Körper an, dann ist ihre Wirkung entweder
größer oder kleiner als bei ruhendem Körper. In unserm Falle wäre es z.B.
so, als ob man mit einem Hammer (Sonnenanziehung) nach einem fortfliegenden
Balle (Erde von der Tangente fort beschleunigt) schlüge. Damit die Kraft zur
richtigen Wirkung kommt, muß die Erde den Widerstand eines ruhenden Körpers
leisten, Dieses kann sie aber nur, wenn sie sich nicht bewegt. Zu dieser Ruhe
zwingt sie die Zentrifugalkraft, Man erkennt somit: will man mit dem ruhenden
Erdkörper arbeiten, dann wendet man der Klarheit wegen Kräfte an, nicht aber
Beschleunigungen, die ja eigentlich dem Wunsch nach Ruhe widersprechen: oder
1) Die Auffassung als Funktion des Beharrungsvermögens ist tatsächlich nur ein Bild, kann
aber das Verständnis erleichtern.