Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1911.
wegung der Erde als Ausgangspunkt der Erwägung, dann erkennt man sofort
die Bewegung um die Sonne herum als eine erzwungene Fallbewegung von der
ursprünglichen Geraden fort. Man sieht: die Erde nähert sich zwar nicht der
Sonne, sie fällt nicht im Sinne eines zur Erde fallenden Steines zur Sonne hin,
sie fällt aber trotzdem, nämlich dauernd von der geraden Linie ab. Sie wird
fortwährend von der Bahn ihres Ruhezustandes seitlich fortbeschleunigt.
Man begeht in den Gezeitenerklärungen somit einen logischen Fehler,
wenn man erklärt, die Erde fiele nicht zur Sonne, folglich blieben alle Punkte
der Erde stets im gleichen Besehleunigungsverhältnis, Die Tatsache, daß die
Erde sich der Sonne bei angenommener Kreisbahn nicht nähert, ist eben völlig
gleichgültig für die Theorie, Man zeigt durch die Betonung dieses Umstandes
nur, daß man von der krummen Bahn der Erde um die Sonne als Grundlinie
ausgegangen ist und die Erdbewegung mit dieser Linie vergleicht, Das ist
natürlich falsch, trotzdem die Sonne die Ursache der Abweichung von der Ge-
raden ist. Ist man sich nun klar darüber, daß die Erde sich dauernd von der
geradlinigen Bahn ihres relativen Ruhezustandes beschleunigt fortbewegt, daß
also tatsächlich die beschleunigte Bewegung auch wirklich eintritt, dann bedarf
es nur noch der Anwendung des Newtonschen Gravitationsgesetzes, Nach ihm
bewegt sich der der Sonne nächste Punkt schneller seitlich von seiner geraden
Eahn fort als die Erdmitte, letztere wieder schneller als der abgewendete Punkt,
Der sonnennahe Punkt eilt vor, der sonnenferne bleibt zurück, alles in bezug
auf die gerade Bahn, die Tangente an die wirkliche Erdbahn, Daß dabei die
gerade Bahn dauernd ihre Richtung ändert, wenn man die Bewegung in aufein-
anderfolgenden Zeitdifferentialen betrachtet, ist wieder belanglos.
Zu dieser Theorie ist nun zu bemerken: sie nimmt die Dinge, wie sie
sind, Die Erklärung muß zwar von der geradlinigen Bewegung ausgehen, geht
aber von ihr zu der krummlinigen wirklichen über. Sie betrachtet den Erd-
körper als nicht ruhenden, sondern im Sonnensystem bewegten Körper und zeigt
die Gezeiten als ursprünglich kosmische Bewegungen lose verbundener Massen-
teilchen. Da die Theorie Bewegung aus Bewegung erklärt, braucht sie nicht die
Hilfsvorstellung der Kraft. Sie muß somit zweckmäßigerweise auch die Beschleuni-
gungskräfte nicht einführen, sondern lediglich mit den Beschleunigungen
selber arbeiten. Vermieden werden muß vor allem der Fehler, der noch in
vielen Handbüchern gemacht wird, die Erde als ruhend unter Einwirkung der
beschleunigenden Anziehungskräfte der Sonne zu betrachten, Man kann dabei
naturgemäß nur zu eintägigen Gezeiten kommen. Die Anwendung von Zentri-
fugalkräften in der soeben skizzierten Theorie ist eine Unmöglichkeit. Man
glaubt nicht nur mit den Gravitationsbeschleunigungen auskommen zu können,
sondern ist direkt dazu gezwungen,!) weil es bei der von der Geraden fort-
beschleunigten Erde Zentrifugalbeschleunigungen nicht gibt. Es handelt sich
nur um das Erkennen von Bewegungsvorgängen und diese liegen ganz eindeutig
und klar fest.
III. Die Theorie unter Anwendung der Zentrifugalkraft.
Eine im Ingenieurfach oft verwendete Methode ist die, bewegte Körper
als ruhend anzunehmen, indem man die Hilfskräfte anbringt, die den ursprüng-
lich bewegten Körper in den Ruhezustand hineinzwingen.
Die jetzt zu behandelnde zweite Theorie wendet dieses Verfahren an. In
ihr soll die Erde als ruhender Körper betrachtet werden, genau genommen aller-
dings nur als relativ ruhend, indem man sich die Erde um ein Längendifferential
auf der geraden Linie, der Tangente gleichmäßig fortbewegt denkt. Vergleiche
darüber die bereits gegebene Erklärung. Denkt man den Beobachter dann mit
gleicher Geschwindigkeit wie die Erde parallel zu ihr bewegt, dann befindet
sich letztere für den Beschauer im völligen Ruhezustande. An diesem ruhenden
Körper braucht man nun nicht mehr mit Beschleunigungen zu arbeiten, sondern
kann bequem an deren Stelle die Kräfte, also die gedachte Ursache der Be-
) Vergl. »Ann. d. Hydr, usw.« 1910, S, 280, Zeile 16 ff.