Obolensky, W.: Hamburgische Registrierballon-Aufstiege vom 8, bis 13. August 1910, 21
N Wir können auf Grund dieser Untersuchungen die Atmosphäre in mindestens
drei Teile zerlegen.
Der untere Teil bis . zur Höhe von etwa 3 km ist ein Gebiet,. das den
irdischen Störungen unterworfen ist. Die Erwärmung der Erde durch die Sonnen-
strahlung in der warmen Tageszeit, besonders im Sommer, verursacht aufsteigende
Strömungen und schafft in den untersten Schichten Temperaturgradienten bis
zu 1° für 100 m und mehr. Weiter oben wird durch Wärmeausscheidung bei
Kondensation der Dämpfe. der Temperaturabfall stark vermindert. ‚Dagegen
kühlen in der kalten Tageszeit, im Winter oft während des ganzen Tages, die
unteren Schichten stark ab und geben oft Temperaturumkehrung, d.h. Zunahme
der. Temperatur nach oben... Wenn man hier, die Zeit als die eine, die Höhe als
die andere Koordinate nehmend, die Isothermen für eine große Reihe aufeinander-
folgender Tage zeichnet, so erhält man sehr unregelmäßige Kurven, die. oft auch
geschlossen sind, in .denen dann die Temperatur sinkt oder steigt. Also. die
vertikale Temperaturverteilung ist hier sehr veränderlich, durchschnittlich haben
wir aber eine schwache Temperaturabnahme ‚mit zunehmender Höhe,
Im mittleren Teile, in einer Höhe von 3 bis 9 km, werden die Temperatur-
verhältnisse bedeutend einfacher. Der Einfluß der Erdoberfläche ist hier sehr
gering. Der Zustand der. Atmosphäre und die Temperaturänderungen der meteoro-
logischen Elemente hängen hier hauptsächlich von durchgehenden Cyklonen,
Antieyklonen . und anderen Witterungstypen ab. Die Isothermen werden ‘hier
fast parallel, ihre Kurven sind nicht geschlossen. Die vertikale Temperaturver-
teilung hängt hier hauptsächlich von vertikalen Strömungen. in den Cyklonen
und Anticyklonen ab, wegen des geringen Dampfgehaltes und des ziemlichen
Gleichgewichtes zwischen Wärmeausstrahlung und -absorption nehmen die Gra-
dienten stark zu, und die Kurve des Temperaturabfalles nähert sich der Adiabate
trockener Luft,
Endlich kommen wir in einer Höhe von etwa 9 bis 10 km in den oberen
Teil unserer Atmosphäre, wo sich ihr Charakter vollständig ändert. Die bis-
herige Temperaturabnahme hört auf, es tritt bald schwache Temperaturerhöhung,
bald schwache -abnahme ein, so daß wir infolge abwechselnder Schichten der
verschiedenen Temperaturen eine »blätterige« Struktur haben.‘ Den Herren
Teisserene de Bort!) und Aßmann®) verdanken wir die Entdeckung dieser
relativ warmen Luftschicht, die wichtigste Entdeckung in der Aerologie der
letzten 10 Jahre. ;
Teisserence de Bort nannte diesen oberen Teil der Atmosphäre Stratosphäre
und den niedriger liegenden Teil Troposphäre. Lange Zeit bezweifelte man die
Realität der Stratosphäre, indem man- es für möglich hielt, daß die Thermometer
hier nur infolge von Sonnenstrahlung bei ungenügender Ventilation sich erwärmen,
Jetzt aber ist ihre Realität festgestellt und ihre Allgemeinheit für die ganze
nördliche Hemisphäre bewiesen. Ihre durchschnittliche Anfangshöhe beträgt für
Europa 10.5 km bei einer Eintrittstemperatur von — 55.6° (A. Wagner). Diese
Höhe ist im Sommer etwas größer als im Winter, ebenso ist sie in der Nähe der
Pole niedriger, besonders im Polarmeer, wo sie nur etwa 7 km beträgt; zum
Äquator hin steigt sie und erreicht in niedrigeren Breiten des Atlantischen Ozeans
eine Anfangshöhe von etwa 13 km; aber am Äquator ist sie auch in einer Höhe
von 15 km bei einer Temperatur von — 80° auf dem Ozean noch nicht gefunden.
Erst in der neuesten Zeit bewies die Expedition Prof. Bersons in Ostafrika ihre
Existenz für kontinentale Teile des äquatorialen Gürtels in einer Höhe von mehr
als 15 km, aber ihre Eigenschaft äußerte sich nicht so stark wie in den mittleren
Breiten. Hier. hat man die niedrigste Temperatur — 84.6° in 19.8 km Höhe
gefunden. Es ist auch festgestellt, daß überall mit Steigerung ihrer Höhe die
Eintrittstemperatur niedriger ist. Infolge starker Änderungen der Höhe der
Stratosphäre sind hier die Temperaturänderungen von Tag zu Tag sehr stark;
die Isothermen nehmen hier ein noch verwickelteres Bild an als unten.
) Teisserene de Bort, Compt. Rend, 134, 1902, S. 987
'ı Aßmann. Berl. Berichte 1902. S. 495.