292 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1911.
In der deutschen Marine ist der Fluidkompaß bekanntlich seit Jahrzenhnten
eingeführt.
Bei Temperaturveränderungen zieht sich die Flüssigkeit im Fluidkompaß ent-
weder zusammen oder dehnt sich aus, es würden sich also, wenn keine Ausgleichsvor-
richtung vorhanden wäre, etweder Blasen bilden oder der Deckel würde gesprengt
werden. Bei dem Marinekompaß M. 03. wurde der Ausgleich durch ein Sauge-
und ein Druckventil bewirkt, die selbsttätig arbeiteten. Diese Ventile waren aus
verzinntem Messing gefertigt, dieses Material aber oxydierte unter der Einwirkung
von Seewasser, ja schon unter der von Seeluft. Infolgedessen setzten sich die
Ventile fest und arbeiteten erst bei einem Druckgefälle von 2 Atmosphären und
mehr, was zumal in den Tropen zu häufigem Platzen der Deckelgläser führte.
Abhilfe konnte auf zwei Arten geschaffen werden, Entweder man bringt im
Kompaß größere leere Räume — Luftdome — 'an, diesen Weg haben jetzt die
Engländer eingeschlagen, oder man verbindet das Innere des Kompasses durch
ein Kapillarröhrchen mit der Atmosphäre, die Bamberg sche Konstruktion.
Ein Verdunsten des Alkohols und damit ein Verändern des Auflagegewichtes
findet, wie, eingehende Versuche und Beobachtungen ergeben haben, nicht statt.
Hingegen verdunstet die ganze Flüssigkeit gleichmäßig, was durch Nachfüllen
selbst an Bord abgestellt werden kann. Ehe das jetzige Marinekompaßmodell (n./M.)
eingeführt wurde, wurde eine Gewaltprobe damit vorgenommen, indem man
einen solchen Kompaß von 0 auf + 80° C erhitzte; eine Beschädigung des Kom-
passes trat nicht ein. Seit der Einführung im Sommer 1908 sind Klagen nicht
mehr aufgetreten. Es möge hier darauf hingewiesen werden, daß die in deutschen
Kompassen verwendete Flüssigkeit bei — 17° C gefriert.
Die Beleuchtung der Kriegsschiffkompasse muß so eingerichtet sein, daß
ein »Abgeblendet-Fahren« möglich ist, was natürlich wieder einige Komplikationen
ergibt, die aber für die Handelsmarine ohne Interesse sind. Wiederum können
die in der Handelsmarine so beliebten Kompaßableser auf Kriegsschiffen nicht
Verwendung finden, da man hier nicht nur Kurs steuern, sondern auch evolu-
tionieren muß,
Gemeinsam wichtig ist für beide Teile die Frage, welche Rosenzeichnung
zu wählen ist. Grad- oder Strichrose, oder eine Vereinigung beider? Man kann
wohl bestimmt sagen, daß die einfache, von 0 bis 360° geteilte Gradrose das
Bequemste ist, was man sich denken kann und dabei eine Genauigkeit des
Steuerns ermöglicht, die die Strichrose nicht kennt. Wie oft haben, bei mündlicher
Befehlsübermittelung, Verwechslungen der ähnlichlautenden Kompaßstriche statt-
gefunden. Ich erinnere nur an die Entscheidung des Seeamtes zur Strandung
des Dampfers »Laeiß«, die dadurch herbeigeführt wurde, daß NNW*%/,W mit
NzW*°/,W verwechselt worden war.
Und dabei handelt es sich keineswegs um einen Ausnahmefall,
Die Frage, wieviel Strich zwischen SOz’/;O und SWzW!/,W liegen, ist
nicht so schnell zu beantworten; wie leicht hingegen hat man den Unterschied
zwischen 114 und 239° errechnet! Aus diesem Grunde mit halte ich auch die
deutsche von 0 bis 360° geteilte Rose für praktischer, als die englische, die von
Nord und Süd nach Ost und West um 90° geteilt ist.!)
Die Hochseenavigateure der Handelsflotte haben sehon geraume Zeit viel-
fach die Grad-Navigierung eingeführt, konservativer sind die Schiffer für kleine
Fahrt. Bei der Küstenschiffahrt genügt ja auch die gröber geteilte Strichrose
den Anforderungen. Die alte Generation scheut sich vor der Neuerung. Eine
Gleichmäßigkeit ist aber notwendig, weil die Seekarten mit Windrosen für alle
ausgerüstet werden müssen, Der Ausweg, alle Windrosen (mißweisende, recht-
weisende, Grad- und Strich-) einzuzeichnen, hat zu Verwechslungen geführt und
ist deshalb aufgegeben worden, Zu oft las man in den Seeamtsverhandlungen,
daß die betreffende Strandung veranlaßt war durch die Benutzung einer eng-
lischen Karte. Der betreffende Schiffer hatte, obschon der Sprache gar nicht
1) In der amerikanischen (U, St, A.) Kriegsmarine wird jetzt die englische auf 90° geteilte
Gradrose gegen die deutsche 0 bis 360° geteilte ausgetauscht.