290 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1911.
bewegt werden, unter den ungeheuren Drehtürmen mit zwei oder gar drei
Riesengeschützen, Ihre magnetischen Verhältnisse werden sich zudem im Gefecht
bereits erheblich ändern, das ganze Schiff wird ummagnetisiert durch die starken
Erschütterungen (hervorgerufen durch das eigene Feuer und das Einschlagen
der feindlichen Geschosse), und zwar je nach dem Gefechtskurs verschieden. Hier
ist der Kreiselkompaß oder noch besser die Fernübertragung von einem solchen
am Platze.
Außer Anschütz & Co, in Kiel beschäftigt sich zur Zeit bereits
eine andere deutsche Firma mit gutem Erfolge mit dem Bau von Kreiseln:
Hartmann & Braun in Frankfurt a. M. Diese Firma hat sich zunächst
auf den Bau von Azimutkreiseln beschränkt, während Anschütz Meridian-
kreisel oder Kompaßkreisel baut. Der Unterschied zwischen beiden Arten ist
kurz der: Der Azimutkreisel hält ein beliebiges Azimut inne und muß, ehe er
als Richtungsanzeiger gebraucht werden kann, immer erst in die Nord—Süd-
Richtung einreguliert werden, er ist dafür fast unempfindlich gegen Erschütte-
rungen,
Der Meridiankreisel stellt sich ganz von selbst in die wahre, rechtweisende
Nordrichtung ein, und zwar mit einem hundertmal so großen Richtvermögen
als ein guter Fluidkompaß, er ist aber an und für sich Störungen durch
Erschütterungen und Fahrtänderungen mehr unterworfen als der Azimutkreisel,
In letzter Zeit ist es freilich der Firma Anschütz gelungen, durch eine Ver-
einigung von mehreren Kreiseln in einem Instrument diese Fehlerquelle fast
gänzlich auszuschalten,
Man wird sich nun fragen, weswegen führt sich denn der Kreiselkompaß
bei den so vorzüglichen Eigenschaften nicht auch schon jetzt in der Handels-
marine ein? Der Haupthinderungsgrund dürfte in dem hohen Preis (jedenfalls
mehr als 20 000 Mark pro Instrument) liegen.!) Ferner ist der Magnetkompaß
stets gebrauchsfähig, während der Kreisel immer einige Zeit zum Anlaufen
bedarf und ‘vom elektrischen Strome abhängig ist. Ein Notersatz für die
Elektrizität für ihn ist bisher nicht gefunden worden. Versagt also der Strom,
so ist der Kreisel unbrauchbar. Magnetkompasse kann man nötigenfalls in den
meisten Häfen wiederherstellen lassen oder neu kaufen, Kreisel nicht,
2. Kompaßfernübertragungen.
Hat man auf einem Schiffe einen magnetisch günstigen und gleichzeitig
einen magnetisch ungünstigen Kompaßort, so kann man sich durch Magnetkompaß-
fernübertragungen helfen. Im Prinzip unterscheidet man zwei Arten, die optische
und die elektrische Fernübertragung.
Die optische Übertragung arbeitet wie eine Camera obscura. Der Mutter-
kompaß wird scharf beleuchtet und sein Bild vermittelst einer Vereinigung von
Spiegeln und Linsen durch ein Rohr auf eine entfernte Mattscheibe, den
Empfänger, geworfen, Das Bild auf der Mattscheibe wird nur deutlich, wenn
das Licht des betreffenden Raumes entsprechend gedämpft wird. Steht der Emp-
fänger also jn einem hellen Raume, so muß man über die Mattscheibe eine
Kappe setzen, die nur einen kleinen Schlitz hat, dann kann aber nur immer ein
Mann — der Steurer — den Kompaß ablesen. Die Dämpfung des Lichtes in
den Kommandotürmen der Kriegsschiffe genügt allerdings schon, um die Matt-
scheibe ohne Schutzhülle ablesen zu können, Die optische Übertragung kann
stets nur einen Empfänger zu derselben Zeit betätigen, die Entfernung zwischen
Mutter und Tochter darf 14 bis 16 m nicht überschreiten, auch darf der Weg
nicht zu oft geknickt sein. Diese Art der Übertragung ist besonders in England
ausgebildet worden, In Deutschland werden solche Übertragungen gefertigt
durch Bamberg & Co. und Goerz, beide in Friedenau. Für Handels-
schiffe kommt diese Art weniger in Frage. Auf amerikanischen Schiffen sollen
auf optischem Wege Kompasse auf 34 m übertragen worden sein.
1) Beim Bedarf mehrerer Kompasse verringert sich diese Summe durch Einführung eines Mutter-
kreisels mit mehreren Tochterkreiseln (Fernübertragung) bedeutend.