280 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1911.
wird die hier später dargelegte Methode der Berechnung der Gezeiten allgemein an-
gewendet, auch von denen, die sie nur nach dem praktischen Nutzen, den sie
liefert, zu beurteilen wünschen. Es ist aber natürlich, daß viele darin keine volle
Befriedigung finden und daß mir von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert
worden ist, auch in die theoretische Seite des Problems wenigstens einen Ein-
blick gewinnen zu können,
In Hinblick hierauf bin ich bestrebt gewesen, diesem Verlangen auf die
einfachste Weise zu genügen und mit Weglassung aller nicht unbedingt not-
wendigen Einzelheiten anzugeben, auf welche Weise die verschiedenen Glieder
aus dem allgemeinen Ausdruck der sie zusammensetzenden Kräfte abgeleitet
werden können und wie nach der Theorie durch die periodisch wirkenden Kräfte
Wellenbewegungen entstehen,
Auf Vollständigkeit macht diese Darlegung keineswegs Anspruch; gerade
diese Vollständigkeit und die dabei unvermeidliche Umständlichkeit in den
Berechnungen ist es, die die Praktiker — Schiffsoffiziere und Ingenieure —
von dem Studium der vollständigeren Abhandlungen abschreckt.
2. Die futerzeugende Kraft.
Die Bewegung einer Wasseroberfläche, wie wir sie z. B. an einem Pegel
erkennen, ist wie jede wahrgenommene Bewegung, eine relative. Wenn der
Boden, in dem der Pegel befestigt ist, ganz, zum Teil oder gar nicht an der Be-
wegung der Wasseroberfläche teilnimmt, dann wird im ersten Fall keine, im
zweiten nur der Unterschied der beiden Bewegungen und im letzten Fall die voll-
ständige Bewegung wahrnehmbar sein,
Betrachten wir nun der Einfachheit wegen die Erde als eine in ihrer
Gestalt unveränderliche, vollkommen starre Kugel, umgeben von einem flachen
Ozean, dann wird die von einem Himmelskörper, z. B. dem Monde, ausgehende
fluterzeugende Kraft durch den Unterschied der auf die beweglichen Wasser-
teilchen und der auf den starren Erdkern als
Ganzes genommenen wirkenden Kräfte gemessen
werden.
Wir gehen dann weiter von der Voraus-
setzung aus, daß die wirkenden Kräfte aus-
schließlich ihren Ursprung in der Anziehungskraft
finden. Nehmen wir dann als Längeneinheit den
Halbmesser OP (Fig. 1) der Erde, so ist g, die
Beschleunigung der Schwerkraft, die Größe der
Kraft, die ein Körper von der Masse der Erde
auf die Masseneinheit in der Einheit der Ent-
fernung ausübt,
Die Masse des Mondes (f) ist 81.4mal kleiner als die der Erde und seine
Entfernung beträgt im Mittel )
OM = k = 60.26 Erdradien,
Der starre Kern der Erde wird also von dem Monde mit einer Kraft an-
gezogen, die für die Einheit der Masse gemessen wird durch
BB
fk?
während auf die Einheit der Masse im Punkte P an der Erdoberfläche durch
den Mond eine Kraft ausgeübt wird, die ausgedrückt wird durch
8 .
£R?
Diese beiden Kräfte sind im allgemeinen nicht gleich gerichtet; um ihren
Unterschied bilden zu können, müssen wir sie in zwei Richtungen zerlegen, als
welche wir wählen: die des Erdradius durch P und die einer Berührungslinie
an die Erde, senkrecht auf diesem Radius und in der durch ©, P und M
gehenden Ebene.