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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1911.
1. Einleitung. .
Seit sehr alten Zeiten hat die Schiffahrt in den niederländisch-indischen
Gewässern mit der Schwierigkeit zu kämpfen gehabt, daß die dortigen Gezeiten
nach den bekannten, in Hand- und Lehrbüchern empfohlenen Regeln nicht be-
rechenbar waren. Mit dem zunehmenden Verkehr machte sich das Fehlen
einer praktisch brauchbaren Methode zur Berechnung dieser Gezeiten immer
fühlbarer.
Zur Gewinnung einer solchen Methode ist aber ein klarer Einblick in den
offenbar sehr verwickelten Mechanismus der Gezeitenerscheinungen notwendig.
Diese Einsicht ist allein durch eine Zerlegung in eine Summe von Gliedern zu
erhalten, die, jedes für sich selbst betrachtet, bequem zu behandeln sind, sei es
durch graphische Konstruktion, sei es durch einfache algebraische Formeln. Die
von Airy vorbereitete, von Kelvin empfohlene und von Darwin ausgearbeitete
Zerlegung, bekannt als »Harmonische Analyse«, hat den hierzu führenden Weg
gebahnt. Unter Übergehung aller weiteren Bestrebungen zur Aufklärung kann
man sagen, daß der Einblick in den Mechanismus der indischen Gezeiten mit den
Arbeiten des Ingenieurs Ypes anfängt, der diese Methode zuerst auf die Gezeiten-
erscheinungen auf der Reede von Soerabaya anwendete.
Dabei zeigte sich sofort, daß die indischen Gezeiten von den der europäischen
Gewässer im Grunde nicht verschieden sind und dieselben Faktoren in beiden,
äußerlich so verschiedenen Mechanismen vorkommen, daß vielmehr allein das gegen-
seitige Verhältnis der Faktoren verschieden ist. Die weiterfolgende Anwendung der
Methode auf die sehr ausgesprochenen eintägigen Gezeiten im Hafen von Tand-
jong Priok befestigte nicht nur diese Auffassung, sondern aus den erhaltenen
Resultaten ergab sich noch, daß die Gezeiten in der Javasee sich von Ost nach
West fortpflanzen und zwar in einer Weise, wie man sie in Berücksichtigung
der Tiefe dieser See für Wellenbewegungen voraussehen kann. Als dann kurze
Zeit darauf auf Vorstellung des Verfassers ein selbstregistrierender Wasser-
standsmesser im Hafen von Tjilatjap aufgestellt worden war, wo die Gezeiten
einen czeanischen Charakter tragen, konnten die drei Typen: halbtägig, ge-
mischt und eintägig als bekannt angesehen werden und es blieb allein die Frage
übrig, wie auf die ökonomischste Weise Beobachtungen der Gezeiten in allen
indischen Meeresteilen erhalten werden könnten, und wie ihre Bearbeitung und
die Vorausberechnung mit beschränkten Mittein auszuführen wäre,
Dem vorzüglichen Beispiel des Gezeitendienstes, wie er in Britisch-Indien
organisiert ist, nachzuahmen, daran konnte nicht gedacht werden, Die außer-
ordentlich hohen Kosten, die mit der Aufstellung einer Reihe von Sselbstregi-
strierenden Apparaten in einem Inselreich, wie der Indische Archipel, verbunden
sind, die Unmöglichkeit, ein geeignetes Personal für die Bedienung zu finden,
die großen Ausgaben, die notwendigerweise für die Kontrolle der Apparate und
des Personals daraus folgen müssen, und die sehr zeitraubende Bearbeitung
machen eine solche Nachahmung schlechterdings unmöglich, Wie sehr auch die
Kenntnis der Gezeiten von der Schiffahrt verlangt wird, so würden immerhin
nur für einige Plätze die Kosten der Berechnung von Gezeitentafeln durch die
Vorteile für den Handel aufgewogen werden,
Auf alle Fälle mußte daher eine Vereinfachung Platz greifen. Die erste,
die auf der Hand lag, war die Beschränkung der Bearbeitung auf sieben Teil-
tiden, da für die Forderungen der Praxis eine vollständige Bearbeitung der Be-
obachtungen überflüssig erschien und diesen durch die Kenntnis dieser sieben
genügt werden kann,
Eine zweite Vereinfachung in der Bearbeitung der Beobachtungen kann
in der Berechnung der beiden eintägigen Tiden K, und P und der halbtägigen
Tide K, aus den Monatsmitteln für die Sonnenstunden gefunden werden, wodurch
die für die Anordnung der Stundenbeobachtungen nach den verschiedenen Winkei-
geschwindigkeiten notwendige Arbeit auf die Berechnung von nur drei Teiltiden:
M», N und O beschränkt werden kann.
Die vornehmlichste und notwendigste Vereinfachung mußte jedoch in der
Beobachtungsmethode gesucht werden, weil nur dann die Möglichkeit besteht,