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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 39 (1911)

Plassmann, J.: Meteorbeobachtungen auf See. 
Pan 
A 
Meteorbeobachtungen auf See. 
Von Professor Dr. J. Plassmann. 
Der Deutschen Seewarte gehen häufig Mitteilungen zu über einzelne auf- 
fallend helle Meteore oder auch zahlreiche Sternschnuppen, die an Bord beob- 
achtet worden sind. Indessen läßt die Art, wie diese Himmelserscheinungen 
aufgezeichnet sind, meistens erkennen, daß die Beobachter nicht wußten, welche 
Dinge bei der Wahrnehmung und Niederschrift zu beachten waren, wenn der 
Wissenschaft ein Dienst sollte erwiesen werden, Gern folgen wir der Aufforderung 
der Seewarte, das Notwendige in diesen Blättern einmal kurz zusammenzustellen, 
Die Sternschnuppen und Feuerkugeln gehören einem Grenzgebiete der 
Astronomie und der Wetterkunde an. Sie sind sehr kleine Weltkörper, die, teils 
isoliert, teils zu ausgedehnten Schwärmen vereinigt, die Sonne umkreisen. Bei 
der großen Zahl dieser Schwärme und der erheblichen Exzentrizität ihrer Bahnen 
sind gelegentliche Zusammenstöße mit den Planeten, und so auch mit der. Erde, 
unvermeidlich, Die Bahn eines Kometen kann der Erdbahn nahekommen, ohne 
daß eine Berührung stattfindet, weil die beiden Körper zu sehr verschiedenen 
Zeiten durch die kritischen Punkte ihrer Bahnen gehen können. Ein Meteor- 
schwarm dagegen hat sich manchmal über seine ganze Bahn derart ausgebreitet, 
daß er als ein elliptischer Ring die in seinem einen Brennpunkte stehende Sonne 
umkreist, Da nun diese Bahn wenigstens für eine Reihe von Jahren, auch wohl 
von Jahrhunderten, eine ziemlich feste Lage im Raume hat, und die Erdbahn 
desgleichen, so kann es kommen, daß die Erdkugel alljährlich an demselben 
Punkte ihrer Bahn, will sagen, zu derselben Jahreszeit, Gliedern desselben Schwarmes 
begegnet. Sie fährt nach dem treffenden Vergleiche von Schiaparelli durch 
diese hindurch wie eine Kanonenkugel durch einen Mückenschwarm. 
Da wir diese kleinen Himmelskörper nur dann sehen, wenn sie infolge 
des Zusammenstoßes mit unserer Atmosphäre aufleuchten und — das ist 
wenigstens die Regel — vollständig verbrennen, so ist die Annahme gerechtfertigt, 
daß sie voneinander durch unvergleichlich größere Zwischenräume getrennt sind; 
denn wenn die relative Größe dieser Zwischenräume nur dieselbe wäre, wie etwa 
beim Straßen- oder Zimmerstaub, so müßten die sonnenbeleuchteten meteorischen 
Wolken, auch aus weiterem Abstande gesehen, helle Flächen darstellen. Möglicher- 
weise ist das wohl jedem tropenkundigen Seemanne vertraute Zodiakallicht eine 
meteorische Wolke von solcher Beschaffenheit, 
Wenn nun die Erde durch einen Meteorschwarm fährt, dessen Teile sich 
auch ihrerseits um die Sonne bewegen, so setzen sich die beiden Bewegungen 
nach dem Satze vom Parallelogramm der Geschwindigkeiten zu einer dritten 
Bewegung zusammen, nämlich zu der, welche die Körperchen in der Atmosphäre 
auszuführen scheinen. Die Geschwindigkeit der Erde in ihrer Bahn beträgt 
knapp 30 km/sec; sie ist immer auf den Punkt im Tierkreise gerichtet, der 90° 
hinter dem Sonnenorte liegt, den Punkt also, wo die Sonne ein Vierteljahr vorher 
gestanden hat. So bewegt sich die Erde am 10. August auf einen Punkt des 
Tierkreises, der, im Widder nahe der Grenze des Stiers gelegen, dem Sonnenorte 
vom 10. Mai entspricht. Meteorische Körperchen, die im Raume Sstillständen, 
würden aus diesem Punkte auf uns loszusteuern scheinen, 
Auch über die Eigengeschwindigkeit der Meteore hat man eine sehr be- 
gründete Annahme. Ein Satz der Astromechanik lautet: Wenn sich ein Himmels- 
körper in einer Parabel um die Sonne bewegt, so ist an jedem Punkte dieser 
Parabel seine Geschwindigkeit im Verhältnisse V2 : 1 größer als die Geschwindigkeit 
in einer Kreisbahn, deren Radius sein augenblicklicher Abstand von der Sonne 
ist. Nun sind die Bahnen der Meteorschwärme zwar im allgemeinen nicht 
Parabeln, sondern Ellipsen oder auch Hyperbeln, Indessen läßt sich zeigen, daß 
in dem sonnennahen Gebiete, welches von der Erdbahn umschlossen wird, diese 
beiden Kurven meistens mit guter Annäherung als Parabeln betrachtet werden 
dürfen, Da nun zu der Zeit, wo wir mit der Wolke zusammenstoßen, ihr Sonnen- 
abstand offenbar gleich dem der Erde ist. so ist ihre Geschwindigkeit ziemlich
	        
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