Defant, A.: Über die Periodendauer der Eigenschwingungen des Adriatischen Meeres. 1929
Abhandlung selbst auf Seite 30/31 mitgeteiltes Beispiel zeigt, wie genau bei
ruhigem, schönem Wetter die tatsächliche Gezeitenbewegung mit der theoretischen
übereinstimmt.
Die größten Abweichungen. zwischen dem theoretischen und tatsächlichen
Verlaufe der Flutkurven treten bei Scirocco auf. »Es entwickeln sich stehende
Wellen, welche eine Periode von ungefähr 23 Stunden besitzen und bei
Borawetter eine Amplitude von 30 cm und mehr erreichen.« v. Kesslitz
konnte 5 Fälle von durchziehenden Scirocco in der Adria untersuchen; es sind
dies die Wellenzüge vom 22, bis 24. März 1906 und vom 31. Januar bis 1. Fe-
bruar 1902. Als Perioden der ganzen Welle ergaben sich hierbei die Werte‘)
24,5, 22,8, 20.5, 23.0, 22.7 Stunden,
Als Mittelwert der Periode erhält man 22.9 + 0.7 Stunden.
Die Übereinstimmung zwischen der beobachteten und der berechneten
Periode ist sehr befriedigend, umsomehr als für die Ermittlung der tatsächlich
beobachteten Schwingungsdauer etwas wenig Werte vorliegen. Als besonders
hübsches Beispiel für diese stehenden Wellen ınöchte ich hier den in der Ab-
handlung v. Kesslitz’s in Fig. 14 und 15 mitgeteilten Fall vom 22, bis 24. März 1906
in etwas verkleinertem Maßstabe wiedergeben (Fig. 2); die gestrichelte Kurve ist
die theoretische Flutkurve, die ausgezogene die registrierte, Die Differenz beider
Kurven liefert 3 Wellen von einer durchschnittlichen Periode von 22.2 Stunden;
die theoretisch ermittelte Periode ist 22.4 Stunden; eine bessere Übereinstimmung
kann bei den großen Dimensionen der Bueht wohl nicht erwartet werden!
Fig. 2.
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Noch auf eine zweite Erscheinung, die zur ermittelten Schwingungsperiode
der Adria in engster Beziehung steht, weist v. Kesslitz hin. Bei der Unter-
suchung der Gezeiten ergab sich die auffallende Tatsache, daß in der Adria die
Eintagstiden K,, P und O relativ große Amplituden erreichen; »es ist dies, wie
v. Kesslitz sagt, eine der markantesten Erscheinungen der adriatischen Ge-
zeiten; der kräftigen Ausbildung der eintägigen Tiden K,, P und O ist die so
mannigfaltige Gestaltung unserer Flutkurven zuzuschreiben«.
Die Erklärung dieser Erscheinung kann nur darin gesucht werden, daß
die Adria, welche, wie die theoretische und beobachtete Schwingungsdauer zeigt,
auf eine Periode von 22.4 Stunden abgestimmt ist, als Resonator wirkt. Die
Periode von 22.4 Stunden ist die freie Welle der Bucht; treten nun noch er-
zwungene Schwingungen hinzu, deren Periode die Periode der erregenden Kraft
ist, so werden in der Bucht gerade jene erzwungenen Schwingungen die größten
Amplituden aufweisen, deren Periode mit der Dauer der Eigenschwingung nahe
zusammenfällt; denn die Amplitude der erzwungenen Schwingungen hängt ganz
davon ab, ob die Periode der Eigenschwingung mehr oder weniger mit der
Periode der erregenden Kraft übereinstimmt; sie wird um so größer, je mehr
sich die Periode der erregenden Kraft bzw. der erzwungenen Welle sich der
1) Diese Zahlen entnehme ich einer freundlichen brieflichen Mitteilung des Herrn Fregatten-
kapitäns W, v. Kesslitz,
Ann. d. Hrdr. usw. 1911, Heft III.