120 ‚Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1911.
vor der Querbarriere, die es vom Südbecken trennt. Dieses ist gegen das Nord-
becken relativ sehr tief; es besitzt, während ersteres eine sanft »abdachende«
Ebene von Nordwest—Südost bildet, eine trichterförmige Gestalt mit sehr steilen
Böschungen, die in der Mitte eine Maximaltiefe von 1645 m zeigt. Gegen Ende
der Bucht zu nimmt die Tiefe wieder ab und trennt so das Südbecken durch
eine zweite unterseeische Bodenschwelle vom Jonischen Meere,
In jedem Meeresbecken treten Schwingungen auf, deren Oscillationsdauer
von der orographischen Beschaffenheit der Bucht, vornehmlich jedoch von den
Länge- und Tiefeverhältnissen des Beckens abhängen. Diese Schwingungen, die
eine bestimmte Periode besitzen und der Bucht selbst eigen sind, sind die freien
Schwingungen des Beckens; die Bucht ist auf diese Schwingungen abgestimmt,
es treten ohne Einwirkung äußerer Kräfte nur Schwingungen dieser bestimmten
Perioden auf. So wird auch das Adriatische Meer, als Becken des Mittelländischen
Meeres betrachtet, auf bestimmte Schwingungsformen abgestimmt sein und wird
ohne Einwirkung äußerer Kräfte nur Schwingungen solcher Dauer hervorrufen.
Es soll der Zweck dieser Arbeit sein, diese Schwingungsformen für die Adria
zu berechnen und die Ergebnisse der Theorie den vorliegenden Beobachtungs-
tatsachen gegenüberzustellen. Ich habe mich dieser Arbeit aus zwei Gründen
unterzogen: erstens wurde ich von zwei Seiten aufgefordert, ähnlich wie ich die
Schwingungen des Gardasees nach der Chrystalschen Theorie näher untersucht
habe, auch das Adriatische Meeresbecken zu behandeln und dessen theoretische
Perioden zu ermitteln, zweitens interessierte es mich selbst, die Methoden zur
Berechnung der Schwingungen von Buchten eingehender zu studieren und sie,
wenn möglich, in einer etwas »durchsichtigeren« Form der Allgemeinheit bekannt
zu machen. Die angewendete Methode ist von Honda, Terada, Yoshida und
[sitani in dem von der Kaiserlichen japanischen Akademie der Wissenschaften
veröffentlichten umfangreichen Werke: »Secondary Undulations of oceanic tides«
gegeben.!) Die Darstellung selbst ist aber, wie schon im Referate Dr. Wege-
manns in den »Annalen der Hydrographie«, Band 36, 1908, erwähnt ist, so
undurchsichtig, daß es fast unmöglich ist, dieselbe zu benutzen,”) Es bleibt eben
nichts anderes übrig, als mit dem Bleistift in der Hand alles neu durchzurechnen
und die Methode etwas verständlicher wiederzugeben. Die Methode ist nicht,
wie Dr. Wegemann anzunehmen scheint, ein Spezialfall der von Chrystal
gegebenen hydrodynamischen Theorie der Seiches, sondern geht von ganz anderen
Gesichtspunkten aus und beruht im speziellen auf Lord Rayleighs Theorie der
Schwingungen,
Da diese Methode, die einfacher als die Chrystalsche ist, bisher in
Europa nie erwähnt, noch weniger (wahrscheinlich wegen der unklaren Dar-
stellung im obenerwähnten Werke) benutzt wurde, so glaube ich nicht fehlzugehen,
wenn ich, bevor wir zur Berechnung der Schwingungen der Adria übergehen,
eine etwas ausführlichere Darlegung der japanischen Methode gebe, um sie selbst
bekannter zu machen, wohl aber auch zum besseren Verständnis der späteren
Rechnungen.
I. Methode zur Berechnung der Schwingungsdauer von Buchten.
Die freien Schwingungen einer Bucht sind dieselben wie die Seiches in
einem See, der aus zwei symmetrischen Hälften von der Form der Bucht besteht.
Ist 1 die Länge, h die Tiefe einer Bucht von rechteckigem Querschnitt, so ist die
Dauer der Grundschwingung des Beckens, die einen Knoten an der Mündung
und einen Schwingungsbauch am Ende derselben besitzt, gegeben durch die
Meriansche Formel.
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Diese Formel sowie deren Ableitung nimmt keine Rücksicht auf die Breite
der Bucht: Buchten gleicher Länge und gleicher Tiefe würden auch bei ver-
1
1) Journal of the College of Seience«, XXIV. Band, Imperial University, Tokyo.
N 2) Dazu kommen eine große Anzahl von Druckfehlern, die das Durchgehen der theoretischen
Überlegungen bedeutend erschweren.