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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 39 (1911)

Ann. d. Hydr. usw., XXXIX. Jahrg. (1911), Heft I. 
Vize-Admiral a. D. Exzellenz Frhr. v. Schleinitz +. 
Durch die Zeitungen eilt die Kunde, daß der Vize-Admiral a, D. Frhr. 
v. Schleinitz aus dem Leben geschieden sei. Mit ihm ist eine sicher bedeutende 
aber in mancher Hinsicht rätselhafte Natur aus unserem Kreise gerissen worden, 
dessen zu gedenken die »Annalen der Hydrogr.« schon um deswillen Ursache 
haben, weil der Vize-Admiral Frhr. v, Schleinitz während der Jahre 1876 bis 
1886 Vorstand des Hydrographischen Amtes in Berlin war, und insbesondere 
während dieser ganzen Zeit diese Zeitschrift von dieser unter seiner Leitung 
stehenden Behörde herausgegeben wurde. Diese Kommandierung schloß sich an 
an die vielleicht bedeutendste Epoche seines Lebens, die Leitung der ersten und 
bis vor kurzem einzigen wissenschaftlichen Expedition, die von der Kaiserlichen 
Marine entsandt wurde. Es war die der Reise $S. M. S. »Gazelles von 1874 bis 
1876, zunächst zur Beobachtung des Venus-Durchganges vor der Sonne am 
4, Dezember 1874 auf den im südlichen Indischen Ozean gelegenen Kerguelen Inseln, 
im weiteren aber zu einer ausgedehnten Forschungsreise durch den Atlantischen, 
Indischen und Stillen Ozean. Es war kein besserer Kommandant dafür denkbar, 
als v. Schleinitz, denn er verband mit guten militärischen Fähigkeiten große 
seemännische Tüchtigkeit und eine sehr weitgehende Hingabe an die wissen- 
schaftlichen Forschungsaufgaben, die sich ihm boten, Auch sein Verständnis 
für diese war bedeutend und nicht minder sein Fleiß, Er vermochte dank dieser 
Eigenschaften nicht nur die häufig miteinander kollidierenden wissenschaftlichen 
und persönlichen Interessen der eingeschifften Expeditionsmitglieder auszugleichen 
oder in solchen Grenzen zu halten, daß sie keinerlei schädlichen Einfluß auf die 
Erfolge gewinnen konnten, sondern er übte ebenso oft durch Beispiel und Er- 
munterung, als durch Aufgebot seiner Autorität auf die ganze Besatzung einen 
der Gesamtleistung außerordentlich förderlichen Einfluß aus. Mehrere Male 
brachte er sich und seine Begleitung durch wagehalsige mehrtägige Märsche 
durch wasserlose oder aller Hilfsmittel bare Gegenden in Lebensgefahr, Mehr 
als einmal mußten die im Schiffe Zurückgebliebenen Hilfsexpeditionen aussenden, 
um seine auf dem Rückmarsch liegengebliebenen Begleitmannschaften einzuholen. 
Auch navigatorisch zeichnete er sich. durch solchen seltenen Wagemut und 
Schneid aus, die für den Forscher unerläßlich sind. Seestrecken, für die es 
weder Karten noch Lotsen gab, hat er mit nimmer erkaltendem Eifer befahren 
und er scheute sich nicht, wo es not schien, tagelang Boote zum Loten voraus- 
zuschicken. Die Maghellan-Straße segelte er von Westen her bei dickem Wetter 
und seit 3 Tagen ohne ein observiertes Besteck an. Wer die Weststürme dort 
kennt und ermessen kann, was es für Schwierigkeiten gemacht haben würde, 
wenn die »Gazelle« sich hätte freisegeln müssen (auf die schwache Maschine war 
dabei kein Verlaß), wird dieses Wagnis zu schätzen wissen. Aber dem Mutigen 
gelang es, die Einfahrt fast genau zu treffen, Solcher Stückchen ließen sich noch 
viele erzählen. Nie verließ ihn auch in plötzlich auftretenden Gefahren die 
Ruhe und die dem Seemanne so nötige Fähigkeit, augenblicklich einen richtigen 
Entschluß zu fassen. Es darf dabei nicht verhehlt werden, daß seine hohen 
Anforderungen, die er, um zu seinen Zielen zu kommen, an die Besatzung stellte, 
nicht ohne ernste Folge blieb. Es brach bei der damals im Vergleich zu heute, 
wo ganz andere Hilfsmittel zu Gebote stehen, minderwertigen Verpflegung 
Skorbut an Bord der »Gazelle« aus und es dauerte lange, ehe diese Depression 
beseitigt und die Besatzung wieder leistungsfähig gemacht worden war, 
Ann. d. Hydr. usw... 1911. Haft T.
	        
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