Köppen, W.: Wodurch ist die hohe Wärme Europas und des Nordatlantischen Ozeans bedingt? 117
der diesem Aufsatz beiliegenden Tafel 8 sind beide dagegen nur für die geraden
Grade wiedergegeben, um die Karte nicht zu überfüllen,
Das Gesamtbild ist gegen dasjenige der von mir vor 12 Jahren auf Tafel 9
des Jahrgangs 1898 der Ann, d. Hydr. usw. gegebenen Temperatur-Isanomalen
wenig verändert, trotzdem es auf ganz neuen Grundlagen aufgebaut ist. Im
Stillen wie im Atlantischen Ozean zeigen sich zwei durch ein von. SW nach NO
sich erstreckendes Band verbundene Gebiete größter relativer Wärme und zwei
durch dieses Band getrennte Gebiete relativer Kälte im NW und Südost, nämlich
die warmen Gebiete im Golfstrom und Kuro Siwo nebst deren Triften, anderer-
seits die kalten Küstenwässer bei den Kurilen und Neufundland sowie bei
Kalifornien und den Kanarien, Aber die Temperaturgegensätze sind im Atlan-
tischen Ozean bedeutend größer als. im Stillen, denn von den kalten Räumen
des Atlantischen ist das nordwestliche noch kälter, das südöstliche nur wenig
wärmer als das des Stillen Ozeans, seine warmen übertreffen aber die pazifischen
an Ausbildung bedeutend; der südwestliche, unter 30° Breite, um etwa 2°; der
nordöstliche, unter 60° Breite, sogar um etwa 5°.
Dieser letztere zwischen Schottland und Island gelegene Raum ist es, der
das Klima Europas im höchsten Grade beeinflußt; mittelbar, indem er offenbar
an dem niedrigen Luftdruck dieser Gegend wesentlichen Anteil hat, dem Europa
das Vorwalten südwestlicher Winde vom Ozean in seinem Winter verdankt; aber
auch unmittelbar, indem er sogar die, in Ostasien kältesten, nordwestlichen Winde
im Winter in Europa zu relativ warmen macht,
Dieser Wärmeüberschuß der genannten Teile des Nordatlantischen Ozeans
reicht bis in große Tiefen. In 400 und 600 m Tiefe wird nirgends in der Welt
so warmes Wasser -— über 17 bzw. 16° C. — gefunden, wie bei den Bermuden,
mit alleiniger Ausnahme des Roten Meeres, Klimatologisch kommt für uns
freilich nur die Temperatur der Oberfläche selbst in Betracht, da die tieferen
Schichten nur durch deren Vermittlung die Atmosphäre beeinflussen können.
Fragen wir nach den Ursachen, die dem nördlichen Ende des Atlantischen
Ozeans diese Ausnahmestellung verschaffen, so scheint die besondere Lage zu
den vorherrschenden Winden und zu den Polarmeeren, die dieser S-förmig von
Polarkreis zu Polarkreis sich erstreckende Ozean einnimmt, die Hauptrolle dabei
zu spielen. Denn die auf seinem mittleren Teil herrschenden Passatwinde treiben
die Hauptmasse des dort von der Tropensonne erwärmten Oberflächenwassers in
dem nach NW sich erstreckenden Kanale, längs der Küstenlinie von Kap Roque
nach Florida, von wo es die südwestlichen Winde nach Europa und längs dessen
im großen und ganzen nordostwärts zurückfliehenden Küstenlinie in hohe Breiten
führen. Das kalte Polarwasser wird dadurch überdeckt und klimatisch unwirksam
gemacht; der Rückstrom vollzieht sich nur teilweise an der Oberfläche, am West-
rande des Ozeans (in höheren Breiten) oder an dessen Ostrande (in niederen),
zum großen Teil aber in der Tiefe.
Beim Stillen Ozean, an dessen Westrand die Küstenlinie vom Bismarck-
Archipel bis Formosa und von da bis Kamtschatka eine ähnliche Rolle spielt,
wie im Atlantischen Ozean die Linie Kap Roque—Florida—Neufundland, fehlt das
Aufnahmebecken am oberen Ende des S, auf dessen Oberfläche ausgebreitet
das warme Wasser die großen klimatischen Wirkungen bei uns hervorbringt. An
Stelle dieses Beckens erstreckt sich Land, das im Winter stark erkaltet. Dem aus
SW kommenden Meeresstrom stellt sich hier eine nach Südost herabsteigende
Küstenlinie entgegen, die ihm den Weg in niedrigere Breiten weist, wo es nicht
mehr erwärmend, sondern bald abkühlend auftritt. ;
Der unterste Schenkel des S fehlt in der Natur, weil im Süden die Ozeane
in das gemeinsame südliche Weltmeer übergehen. Sein pazifischer Teil ist eher
wärmer, denn kälter, als der nördliche Stille Ozean in gleichen Breiten. In den
Breiten 0° bis 30° sind alle drei Ozeane nördlich der Linie im Durchschnitt aller
Längen merklich wärmer als südlich derselben. Das dürfte beim Atlantischen
und Stillen Ozean auf die geschilderte S-Wirkung, d. i. die nördliche Verschiebung
der warmen Wassermassen, zurückzuführen sein, beim Indischen dagegen, der
im Norden geschlossen ist, auf die Abwesenheit aller Kaltwasserzufuhr in seinem