Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1911.
Wir wollen nun die Ursachen dieser Erscheinung untersuchen, und dabei
von den geringeren anfangen.
i. Die Bewölkung ist in ganz Europa im Sommer geringer als im Winter.
Starke Bewölkung bewirkt aber im Winter Erhöhung, im Sommer Erniedrigung
der Temperatur. Ein Teil der angeführten außereuropäischen Orte hat umgekehrt
im Winter geringere, im Sommer größere Bewölkung. Man vergleiche z.B.
Hamburg mit Nikolajewsk am Amur, oder Rom mit Wladiwostok.
J., FF. M. A. M. J. J. A. 8 O. N. D. Jahr.
Hamburg ..... 84 72 73 73 63 57 67 57 61 73 74 78 TO
en Nikolajewsk ... 43 45 50 64 71 64 67 69 62 61 62 50 59
underts
des Himmels Rom........ 48 47 53 38 38 32 16 19 28 44 50 48 38
Wladiwostok ... 28 31 42 62 66 75 Wr TR 58 50 42 37 53
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Nun ist an ganz heiteren Tagen die Lufttemperatur z. B. in Aachen durch-
schnittlich im Juli um 7° höher, im Januar um 3° niedriger, als an ganz trüben.
Die Wirkung der angegebenen jährlichen Periode der Bewölkung muß also im
ganzen eine temperaturerhöhende sein; allein man erkennt leicht, daß nur ein
sehr kleiner Teil des Wärmeüberschusses von Europa hierin seinen Grund
haben kann.
2, Wichtiger ist, daß im größeren Teile westliche und südwestliche Winde
vorherrschen, die vom Ozean, und z. T. auch aus südlicheren Breiten kommen.
Durch die großen Binnen- und Randmeere, wie Ostsee, Nordsee, Mittelmeer, wird
das Seeklima zudem weit ins Land hineingetragen, Nun stellt sich die normale
Jahrestemperatur (nach Zenker) folgendermaßen:
Breite. ... 70° 60° 50° 40°
Land ,... —19.0 — 2.7 5.0 15.7
See..... — 52 0,3 7.1 13.4
In höheren Breiten ist also das Land viel kälter als das Meer; unter 40°
Breite nicht mehr. Dieser Wärmeüberschuß der Seeluft ist hauptsächlich in der
kalten Jahreszeit sehr groß. Der umgekehrte Überschuß der Landluft im Sommer
ist im Norden bei weitem nicht groß genug, um dem winterlichen die Wage zu
halten.
Die mittlere Temperatur der verschiedenen Winde, ausgedrückt in Ab-
weichungen vom allgemeinen Mittel, ist in Deutschland:
N NO 0 So Ss SW W NW
Winter. ... —27 —39 —35 —13 +14 +29 +21 —02
Sommer... —02 +08 +17 +22 417 +02 —10 —L1I
deren Häufigkeit aber ist, in Prozenten:
Winter. ... 6 8 9 10 15 23 18 11
Sommer... 10 9 7 6 9 19 22 18
Im Sommer sind also freilich die häufigsten Winde aus W kühl, während
die wärmsten, die aus SO, verhältnismäßig selten wehen, Allein weit stärker aus-
geprägt sind die entgegengesetzten Verhältnisse des Winters, wo der SW sowohl
der wärmste als der häufigste, der NO der kälteste und zugleich nahezu seltenste
Wind ist,
Im östlichen Nordamerika ist umgekehrt zwar im Sommer der häufigste
Wind, der SW, zugleich der wärmste, aber im Winter der häufigste NW zugleich
der kälteste Wind; und die Verhältnisse des Winters sind, weil viel ausgeprägter,
auch hier entscheidend für das Jahr, Die Zahlen stellen sich im östlichen Nord-
amerika so: ;
N NO 0 SO Ss SW W NW
Temperatur- { Winter — 23 — 05 +30 +41 +54 +33 — 02 — 29
Abweichungen] Sommer — 18 — 19 —16 — 04 +10 +12 +01 — 12
ä 3 7 5 5 A
Han [Zi 3 43 5 4% 2 BR BB ®
Sehr wesentlich ist dabei die geringe Ausbildung des jahreszeitlichen Wind-
wechsels in Europa; SW und W sind sowohl im Winter als im Sommer die
häufigsten Winde in Deutschland. Würden wir hier einen Monsunwechsel haben
wie in gleichen Breiten in Ostasien, so würde die Temperatur im Winter viel