Jensen, Chr,: Neutrale Punkte der atmosphärischen Polarisation in Windhuk. 57
Die Korrelationen liegen zwar alle im erwarteten Sinne, sind aber zum Teil
recht gering bzw. sogar schlecht, wenn auch der unter‘ 3. angegebene Wert
recht befriedigend erscheint. Man darf wohl sagen, daß die Bindung zwischen dem
Arago-Abstand bei positiven Sonnenhöhen und der Differenz zwischen dem
Arago- und dem Babinet-Abstand bei kleinen negativen Sonnenhöhen im allge-
meinen keine enge ist, Wir sahen aber jedenfalls beim Vergleich verschiedener Orte
miteinander, daß A-Ba zweifellos um so größer ist, je reiner die Luft ist. Gewisse
Unstimmigkeiten lernten wir aber beim Vergleich der am nämlichen Ort für ver-
schiedene Zeiten geltenden Werte kennen. Merkwürdig und bis jetzt unerklärt
waren die unter normalen Verhältnissen gefundenen auffällig geringen Abstands-
differenzen in Davos und in Ilmenau, Im Gegensatz zu der für normale Zeiten in
geringer Meereshöhe in geringerem oder höherem Grade bestehenden Tendenz
wurden zu Zeiten starker Sonnentätigkeit besonders große gegenseitige Abstände
bei negativen Sonnenhöhen gefunden, wobei allerdings zu bemerken war, daß sich
dies nach Dorno vor allem erst ab —2.5° Sonnenhöhe bemerkbar macht. Beim
Versuch, die vorhandenen Diskrepanzen zu erklären, muß man jedenfalls auch
bedenken, daß offenbar die Größe der Abstandswerte kein so sicheres Kriterium
für den atmosphärischen Reinheitsgrad gibt wie die Amplitude. Wir müssen
aber unter allen Umständen nach anderen Erklärungsmöglichkeiten Umschau
halten. „Ganz abgesehen von der Art und der Größe der trübenden Partikel hat
offenbar die Höhenlage der trübenden Schicht einen nicht zu vernachlässigenden
Einfluß auf den Gang der neutralen Punkte, Auch erscheint es durchaus möglich,
daß der Arago-Punkt von einer bestimmten Trübungsart anders beeinflußt wird
wie der Babinet-Punkt. So sahen wir die starke Hebung des Ba-Abstandes in-
folge von Dunstschichten in geringeren Höhen, Ich habe schon mehrfach darauf
hingewiesen, daß es so scheine, als ob die Abhängigkeit von der Jahreszeit. für
den A-Punkt größer sei als 1ür den Ba-Punkt*), Im ähnlichen Sinne hat sich auch
Süring*) geäußert, wenn er allerdings mit einem gewissen Vorbehalt meinte,
daß ein Unterschied zwischen kalter und warmer Jahreszeit für den Ba-Punkt
nicht erkennbar sei, wohingegen für den Arago-Punkt eine Tendenz zur Ver-
ringerung der Arago- Abstände im Winter klar hervortrete, wenigstens solange
die Sonne überm. Horizont stehe, Jedenfalls hat sich für Hamburg — zunächst
für die ungestörten Jahre 1909, 1910 und 1911 — ein deutlicher jahreszeitlicher
Unterschied gezeigt, und zwar sowohl bei Berücksichtigung der Abstandsdifferenz
zwischen Sommer und Winter als auch bei derjenigen der Lage des A-Minimums
sowie der Größe der Amplituden. Dorno konnte sich hinsichtlich Davos meiner
Meinung nicht bedingungslos anschließen, kam aber doch später der Ansicht
mehr und mehr entgegen. Das legte weiter den Gedanken nahe, daß sich die
für den A-Punkt in Frage kommenden Vorgänge in gewissen, nicht zu niedrigen
Höhen der Atmosphäre abspielen, die auch vor allem für die rein meteorologischen
Vorgänge in Frage kommen, In ähnlichem Sinne dürfte vielleicht ein Resultat
Neubergers*) aufzufassen sein, das er in folgende Worte kleidet: „Die Tatsache,
daß die Beziehung zwischen dem Aragoschen Punkt auf der einen und der
Intensität der Sonnenstrahlung und dem Himmelsblau auf der andern Seite viel
enger ist als die zwischen dem Aragoschen Punkt und der Sicht, zeigt klar, daß der
Aragosche Punkt von einem weit größeren Gebiet- der Atmosphäre beeinflußt
ist als die horizontale Sicht, welche hauptsächlich von der Transparenz der
untersten Schichten abhängt.“ Ich erinnere in diesem Zusammenhang nochmals
an die starke Beeinflussung des Babinet-Abstandes’ durch die unteren Dunst-
schichten, Einen anderen Fall der Abhängigkeit der Erscheinungen der neutralen
Punkte von der Höhe der Trübungsschichten zeigten die Davoser Beobachtungen
in den Jahren 1916 und 1917 und, wie es scheint, einen anderen die Störungen
im Jahre 1907 und im Mai— Juni 1919. Wenn ich meinte, daß es sich bei den
letztgenannten Phänomen um verwandte Erscheinungen handelt, so möchte ich
*) Car, Jensen im Kap. Himmelsstrahlung d. Handb. d. Phys, XIX, 1928, 128-129 und
Geklinoheft Bd. X4 (L cit. 1928), 25 u. 26. — ?) R. Süring, Schwankungen der Lage der neutralen
Polarisationspunkte in Potsdam 1909 bis 1913, Veröff, Königl. Preuß. Met, Inst. No. 240, 1911.
X bis XXIV. — *, H. Neuberger, |}. cit. 1940, 21.