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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 71 (1943)

Thiel, G.: Dämpfung der Gezeiten im Flußgeschwelle der Elbe bei Hamburg usw. 353 
Der Vorgang der Gezeitendämpfung durch das Eis. Im folgenden werden die 
Gezeitenerscheinungen im eisfreien Wasser zum Unterschied von den Gezeiten- 
erscheinungen im eisbedeckten Wasser zweckmäßig als „normal“ bezeichnet. 
Die Gezeitenwellen dringen aus der Nordsee in die Elbmündung hinein und 
verursachen, abgesehen vom Oberwasser, die waagerechten und senkrechten 
Bewegungen der Wassermassen im Flußgeschwelle der Elbe. Die waagerechte 
Bewegung tritt als Flut- und Ebbstrom mit Kenterzeiten auf, die senkrechte 
als Flut und Ebbe mit Hoch- und Niedrigwassern. Die Geschwindigkeit der 
Flut- und Ebbströme und die Höhe der Hoch- und Niedrigwasser wird bei 
normalen Gezeitenerscheinungen in erster Linie nur durch die jeweilige Wetter- 
lage beeinflußt. Die Größe des durch die Wetterlage bedingten Windstaus kann 
bestimmt und die Höhe des zu erwartenden Hoch- oder Niedrigwassers errechnet 
werden. Die beobachteten Gezeiten fallen bei normalen Gezeitenerscheinungen 
mit den berechneten, von geringen Abweichungen abgesehen, zusammen, und 
der Unterschied zwischen beobachtetem und berechnetem Tidenhub ist praktisch 
gleich Null. 
Beginnt Eis im Flußgeschwelle der Elbe aufzutreten, so erscheint es zuerst 
als Neueis, loser Eisbrei oder Treibeis, das, im Wasser schwimmend, mit dem 
Flutstrom elbaufwärts und mit dem Ebbstrom elbabwärts treibt. Zwischen den 
Eisteilen befinden sich mehr oder weniger große, eisfreie Flächen, Spalten und 
Waken., Solche Eisverhältnisse beeinflussen den normalen Verlauf der Gezeiten 
noch nicht, Bei länger anhaltendem Frost und stärkerer Eisbildung treten im 
Gebiet der Unterelbe starkes Treibeis und Packeis auf, die stellenweise zu Eis- 
stauungen und -pressungen führen und das ungehinderte Treiben des Eises mit 
dem Gezeitenstrom hemmen oder ganz behindern. Bei solchen mitunter längere 
Zeit anhaltenden Stockungen der Eisdrift ist der Gezeitenstrom gezwungen, 
unter dem Eise weiterzufließen, Es entstehen Reibung an der Unterfläche des 
Eises und Verluste an normaler Geschwindigkeit, die dazu führen, daß bei Flut- 
strom weniger Wasser elbauf- und bei Ebbstrom weniger Wasser elbabwärts 
fließt als unter normalen Verhältnissen. Die Folge hiervon ist eine Dämpfung 
der Gezeiten. Die Hochwasser steigen, die Niedrigwasser sinken nicht ganz auf 
ihre normalen Höhen und der Tidenhub wird dadurch mehr oder weniger stark 
vermindert, Heutzutage werden bei starkem Eisgang die Fahrwasser durch 
Eisbrecher befahren, um die Wege für die Schiffahrt nach Möglichkeit fahrbar 
zu halten, Eisstauungen und Packeis werden von den Eisbrechern durchbrochen, 
damit das Eis sich mit dem Gezeitenstrom weiterbewegen kann. Die Dämpfung 
der Gezeiten wird dadurch gemildert. 
Im Winter 1939/40 wurde auf der Unterelbe zur Zeit der starken Eisbildung 
beobachtet, daß an den Ufern der Elbe stellenweise eine feste Eisdecke vor- 
handen und am Nordufer fest an das Ufer angefroren war. Die feste Eisdecke 
erstreckte sich bis in das Fahrwasser hinein. In der Mitte des Fahrwassers 
konnten in einer schmalen Rinne mit starkem, dicht aneinander liegendem Treibeis 
Schiffe durchfahren. Gleich hinter einem durchfahrenden Schiff schloß sich 
aber das Eis wieder zusammen. Einzelne Personen drangen auf der festen 
Eisdecke bis zur Mitte des Fahrwassers vor. Da die Eisdecke am Ufer fest- 
gefroren war, so setzte hier auch die senkrechte Wasserbewegung aus, Nur in 
der Mitte des Fahrwassers konnte eine gedämpfte waagerechte und senkrechte 
Wasserbewegung stattfinden. Nach den oben stehenden Berechnungen erreichte 
die Dämpfung damals — 0.90 m. . 
Schon in früheren strengen Wintern mit starker Eisbildung auf der Unter- 
elbe traten zeitweise Dämpfungen der Gezeiten auf der Unterelbe ein. Im Winter 
1928/29 wurde eine Dämpfung der Gezeitenkurve an einem Pegel der Unterelbe 
beobachtet. Bei starkem Treibeis und Packeis auf der Elbe konnte anfangs 
Februar 1929 eine Verminderung des beobachteten Tidenhubs gegen den voraus- 
berechneten um etwa 0.40 m festgestellt werden. 
Es ist denkbar, daß in früheren Zeiten, wenn in harten Wintern die Elbe zufror, 
und ein Verkehr über das Eis von Ufer zu Ufer stattfinden konnte, die Gezeiten- 
ströme so stark gedämpft wurden, daß Ebbe und Flut sich nur soweit bemerkbar 
Ann. d. Hydr. usw. 1948. Helft X, 2
	        
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