308 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1943,
Wassers noch nicht den Wert jenes unmittelbar am Gletscher hervordringenden
sekundären Schmelzwassers des Hintereisferners.
Es ist zu beachten, daß die Exposition des V-Baches betont sonnseitig ist;
die Gletscherachse fällt nach SSE, der Einschnitt des Baches nach SE. Tempe-
raturerhöhend sind ferner die Zuflüsse von Hanggletschern zu werten, besonders
des 3.1 km langen Guslarferners, der dem V-Fluß erst unterhalb dessen Gletscher-
ande tributär wird. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Luftwärme infolge
des stark stäubenden Flusses lokal übertieft wurde (8.9°). Durch die kräftigen
Wasserschläge und die von ihnen mitgerissenen Luftmassen ist der Talwind
sicherlich vergrößert (siehe Beobachtungsübersicht am Schluß).
Nehmen wir die Wasserwärme am Gletscherende zu 1° an, so ergibt sich
für je 100 m Wegstrecke eine Temperaturzunahme von durchschnittlich 0.099,
also etwas mehr als im entsprechenden Fall beim Obersulzbach, wo der Wert
etwa 0.08° betragen haben würde, Beide Größen sind indessen nicht unmittelbar
vergleichbar. Eine Temperaturzunahme setzt sich nicht unendlich fort. Die
durch sie darstellbare Kurve wird nur im Anfang steil sein, allmählich aber
verflachen und zuletzt ganz horizontal verlaufen, sobald das Wasser temperatur-
gleich mit der umgebenden mittleren Luft- und Bodenwärme geworden ist. Im
übrigen wird sie ohnehin im Einzelfall aus verschiedenen Gründen verschieden
steil verlaufen können,
In der gleichen linken, südöstlich exponierten Talflanke der Rofen Ache
wurde in etwa 1.5 km Luftlinie vom vorigen Meßort die Temperatur eines kleinen
Seitenbaches, dessen Ursprung, wie schon aus dem hohen Grad seiner Klarheit
ersichtlich war, nicht auf Gletschereis zurückging, mit 13.0° ermittelt. Da die
Luftwärme bei nun fast bedecktem Himmel nur 12,1° betrug, also niedriger war
als die des Wassers, haben wir hier ein schönes Beispiel für die Erwärmung von
Quellwasser auf seinem Lauf über insolativ erwärmtem Bett.
Platteiferner. Als nächster wurde der Abfluß des Kargletschers Platteiferner
(Achse nach SE fallend, Kulmination Vord. Brochkogel, 3575 m) aufgenommen,
und zwar rund 2 km unterhalb seines Austrittes aus dem Gletscher. Das Wasser
hatte 8,8°, Der erhebliche genereile Unterschied gegenüber dem vorerwähnten
Quellbach wird also sofort offenbar. Trotzdem dürfte auch diese Temperatur
noch wesentlich nach oben entstellt sein, da, wie die Karte ausweist, der Ober-
lauf des P-Flusses aus zahlreichen Einzelsträhnen zusammengesetzt ist und der
Lauf unterwegs noch Zuschuß erhält, der nicht auf Gletscher zurückgeht, also
bereits höhere Anfangstemperatur besitzt.
Mitterkarferner. Den entsprechenden idealen Voraussetzungen wird der
Mitterbach mehr gerecht, wenngleich auch er auf mindestens zwei Hauptkom-
ponenten zurückgeht. Er entwässert den M (Ende bei etwa 2950 m, SE-Achse,
Kulmination Wildspitze 3774 m) und besaß nach 1.9 km langem Lauf 7.6°. Seine
Wasserführung wurde auf 600 l/sec geschätzt. .
Rofenkarferner. Als letzter der linksseitigen Zuflüsse der Rofen Ache, die
mit dem Zusammenfluß mit der Niedertaler Ache bei Vent zur Venter Spiegel-
ache wird, kommt der Rofenbach. Er entwässert den mit einer stattlichen Zunge
den südexponierten steilen Talhang hinabstoßenden R (Ende bei etwa 2675 m,
SE-Achse, Endzunge nach SSW fallend, Kulmination Wildspitze, 3774 m) und
hatte nach einem freien Lauf von 1.7 km mit Ausnahme des Vernagtbaches die
niedrigste aller Temperaturen der Seitenbäche mit 7.3°. Die Wasserführung be-
trug etwa 500 1/sec.
Alle Verhältnisse lagen ziemlich ähnlich wie bei dem besprochenen Mitter-
bach. Die etwas niedrigere Temperatur hing ohne Zweifel mit dem kürzeren
Wasserlauf einerseits und der 275 m tiefer hinabreichenden Gletscherzunge
andererseits zusammen. Mitbestimmend dürfte das Fehlen eines weitverzweigten
oberen Flußsystems sein. Je komplizierter ein solches, um so rascher natürlich
die Erwärmung ‚der einzelnen Komponenten und damit des gesamten Wassers
durch Boden- und Luftwärme sowie Insolation und Himmelsstrahlung. Einer
Erhaltung niedriger Temperatur gegenüber dem Mitterbach mußten beim Rofen-
bach jedoch wiederum entgegenwirken die etwas betontere Südexposition, die