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Full text: 71, 1943

Heybrock, W.: Neue Untersuchungen über die Temperatur von Gletscherflüssen. 305 
Für die Erwärmung von Gletscherflüssen vom Beginn des Austritts aus 
dem Eis an sind die klimatischen Faktoren in erster Linie entscheidend, ins- 
besondere Luftwärme, Insolation und Himmelsstrahlung, und zwar direkt als 
auch indirekt infolge Gesteinsrückstrahlung, Kaskadenbildung begünstigt offenbar 
die Erwärmung, erhöhte Geschwindigkeit und vermehrte Wasserführung ver- 
zögert sie dagegen. Kine Beziehung der Erwärmungsgeschwindigkeit zur Stärke 
der Wassertrübung ist nicht erkennbar, Erstere ist bei den verschiedenen 
Gletscherwässern durch lokale Verhältnisse bedingt recht unterschiedlich, wobei 
auch die Struktur des Flußsystems im Oberlauf entscheidend ist. Für sieben 
Gletscherflüsse ergibt sich unter Zugrundelegung einer Austrittswärme von 1.1° 
eine mittlere Temperaturzunahme von 0.318° auf je 100 m. Die Extreme streuen 
aber nicht unerheblich; sie bewegen sich zwischen 0,8° (1 km Entfernung vom 
Gletscher) und 0.074° (11 km vom Gletscher), 
Die Untersuchung von Quellwässern führt zur deutlichen Unterscheidung 
ihres Charakters in bezug auf Temperatur gegenüber Gletscherflüssen. 
Einleitung, 
In Fortsetzung früherer naturwissenschaftlicher, insbesondere glaziologischer 
und hydrologischer Untersuchungen in verschiedenen europäischen Hochgebirgen 
(Skandinavien, Kaukasus, Pyrenäen, Iran, Hohe Tatra, Abruzzen, Alpen/Mont 
Blane- und Gran Paradiso-Gebiet) (1) wurden im September 1942 im deutschen 
Alpengebiet (Venediger- und Ötztaler-Gruppe) einige neue Daten an Gletschern 
und Gletscherwässern sowie anderen Wasserläufen gewonnen. Über die hier 
näher interessierenden hydrographischen Ergebnisse, die sich im wesentlichen 
mit der Temperatur der Gewässer beschäftigen, soll, gelegentlich unter Vergleich 
mit Beobachtungen im Kaukasus, im folgenden berichtet werden. 
Die Temperaturmessungen erfolgten mit einem Quecksilber-Schleuderthermo- 
meter (R. Fueß, Berlin-Steglitz; Instr.-Nr. 2786; ?!/, Grad-Teilung, Meßbereich 
— 37° bis + 54°); als Hilfsinstrument diente ein zusammenklappbares Queck- 
silber-Reisethermometer (Bromander, Hamburg). Für die Höhen- und Luft- 
druckwerte wurde ein Aneroidbarometer/Höhenmesser benutzt (Gust, Keller, 
Frankfurt a. M.; 2 mm-Teilung, Meßbereich bis 490 mm bzw. 4000 m, kompen- 
siert), Auf Benutzung eines Hypsometers mit Siedethermometern wurde ver- 
zichtet, da für das Aneroid ein genügend dichtes Netz von Anschlußpunkten auf 
den Arbeitskarten (s) zur Verfügung stand; ein verbleibender mittlerer Fehler 
von + 5m ist für die hier in Rede stehenden Betrachtungen ohne Bedeutung. 
Die relativen Feuchtigkeiten wurden mit einem Haarhygrometer aufgenommen; 
die erhaltenen Werte sind nach einer nachträglich in der Physikalisch-Tech- 
nischen Reichsanstalt Berlin vorgenommenen Prüfung korrigiert worden. Zur 
Ermittlung der Richtungen dienten eine Bözard-Boussole und ein Taschen- 
kompaß. Die Windstärken sind nach mps geschätzt, die Bewölkung in Hundert- 
teilen. 
Venediger Gruppe. 
Obersulzbachkees. Aus verschiedenen Gründen konnte das Ende dieses Tal- 
gletschers nicht erreicht werden. Eine Messung der Wassertemperatur mußte 
an dieser Stelle also entfallen, Für zwei klare Seitenbäche wenig unterhalb des 
Gletscherendes, von der östlichen Talflanke kommend, jedoch nach nur kurzem 
offenen Lauf sowie kurz vor ihrem Übergang auf die Talschle ergaben sich am 
frühen Nachmittag Temperaturen von 7.0° und 7.7°. Wie schon der äußere 
Befund erkennen ließ, handelte es sich nicht um Gletscherwasser, sondern um 
reguläres Grundquellwasser, auf das die an diesem Tage herrschende hohe Inso- 
lation eingewirkt haben mußte, Eine Quellentemperatur im Kaukasus, erhalten 
im August 1935 in der östlichen Zejflanke (Adai Choch-Gebiet) in 2563 m Höhe 
mit 6.1°, läßt sich zwar nicht unmittelbar mit diesen Werten identifizieren, sie 
zeigt aber doch, daß gewisse Ähnlichkeiten in den spätsommerlichen Tempe- 
raturen der Grundwasserschichten an Hängen verschiedener Hochgebirge bestehen. 
Eine Untersuchung des Leitungswassers der Kürsinger Hütte (2555 m) im 
gleichen Alpengebiet zeigte sofort, daß hier ganz andere Grundbedingungen
	        
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