Spangenberg, W. W.: Bemerkungen über die Bestimmung der Himmelsfarbe usw. 297
abgestimmt ist!°)11)127), Bei den nicht selten zu findenden Menschen mit einem
anomalen trichromatischen System muß man in vorliegendem Fall außer-
ordentlich vorsichtig sein. Es sind dies Menschen mit einer abnormen Erreg-
barkeit eines der drei Farbelemente der Netzhaut, so. daß diese den anderen
Komponenten gegenüber unterwertig wird. Bei der abwegigen Erregbarkeit der
Rotkomponenten spricht man von Protanomalie, bei der der Grünkomponenten
von Deuteranomalie. Dieser Fehler wird fast stets übersehen und kann sich
daher gelegentlich sehr störend auswirken, Man erkennt ihn bei der Aufstellung
einer sogenannten Rayleighschen „Farbengleichung“: die meisten Menschen ge-
brauchen zur Herstellung von Gelb (entsprechend der Farbe der Wellenlänge
A = 589 mu Natriumlinie) für die Mischung ähnliche Mengen von homogenem
Rot (entsprechend der Farbe von i= 670 my, Lithiumlinie) und homogenem
Grün (entsprechend der Farbe von A = 535 muy, Thalliumlinie); der Protanomale
aber benötigt mehr Rot und der Deuteranomale mehr Grün, um zu einem gleichen
Farbeindruck Gelb zu kommen. Das wirkt sich natürlich auch auf die anderen
Farben aus, Aber es bestehen noch weitere Eigentümlichkeiten, die hier von
einiger Bedeutung zu sein scheinen, Anomale Trichromaten haben eine gewisse
Schwäche des Farbensinnes, dergestalt, daß die übliche Unterschiedsempfindlich-
keit des Auges für Änderungen der Wellenlänge des Lichtes vermindert ist und
daß zur sicheren Erkennung von Farben größere Farbflächen und längere Ein-
wirkungszeiten erforderlich sind, Weiterhin besteht hier eine gewisse Steigerung
bestimmter Kontrasterscheinungen: z.B. erscheint diesen Menschen eine gelbe
Farbfläche in der Nachbarschaft von Rot grünlich getönt usw. Man muß bei
einer solchen Farbenschwäche des Auges besonders bei der Beobachtung mit
der Himmelsblauskala von F. Linke sehr vorsichtig sein. .
Teilweise oder partiell Farbenblinde, sogenannte. Dichromaten, können
unter bestimmten Bedingungen noch sehr wohl brauchbare Schätzungen der
Himmelsfarbe sowohl-nach der Linkeschen Skala als auch nach dem Gedächtnis
ausführen. Man muß aber um diesen Fehler wissen, um die erforderlichen
Grenzen innehalten zu können. Man unterscheidet hierbei bekanntlich zwei
Gruppen, die Rotblinden (Protanope) und Grünblinden (Deuteranope). Der Unter-
schied zwischen beiden Gruppen ist sehr gering und praktisch bedeutungslos,
Beide sehen im Spektrum das Gebiet zwischen A= 490 my und 1 = 500 mu als
[arblos oder weiß (sog. „neutrale Zone“), wo das normale Auge Blaugrün sieht,
Die langwellige Hälfte des Spektrums sehen beide gelblich, die kurzwellige aber
deutlich bläulich getönt, Es kommt daher bei beiden leicht zu einer Verwechs-
lung von Grün und Rot. Vollkommen ausgeschlossen sind natürlich solche Be-
obachtungen bei Violettblinden, sog. Tritanopen; diese Sehstörung ist aber fast
immer mit anderen gleichzeitig auftretenden schweren Augenerkrankungen (wie
Netzhautablösung usw.) verbunden, Es sei noch darauf hingewiesen, daß partielle
Farbenblindheit (Rot und Grün) erblich ist. Sie kommt bei Männern bis zu
10% vor, bei Frauen dagegen fast gar nicht.
Ein vollkommen Farbenblinder, den man als Monochromat bezeichnet,
wird natürlich von vornherein für die Beobachtung der Himmelsfarbe völlig
ausscheiden müssen. Derartige Menschen haben nur die Empfindung von Hell
und Dunkel (Weiß — Grau — Schwarz), im Spektrum erscheint ihnen das Ge-
biet des Gelbgrünen am hellsten. Monochromasie ist aber nur sehr selten zu
finden und eigentlich immer mit weiteren Augenfehlern verbunden (hochgradige
Schwachsichtigkeit, Schwäche der zentralen Sehschärfe, Lichtscheu, Nystagmus
u.a. m.), die als solche schon allein derartige Beobachtungen erschweren oder
gar ganz unmöglich machen.
10) Vgl. K. Kalle: Zum Problem der Meerwasserfarbe. Ann. d. Hydr. u. mar. Met, 66, 1 [1938]. —
1) Graefe-Sämisch: Handbuch d. ges. Augenheilkunde I, 3 [1905]. — 12) H. v. Helmholtz in
Pogg. Ann. 87, 45, [1852] und 94, 1 (1855]. Die hier dargestellten Verhältnisse entsprechen der
Young Helmholtzschen Theorie. Anders liegt die Sache bei der Theorie von E. Hering [vgl
Anm. (11), wo gewisse Stoffwechselvorgänge („Assimilierung“ bzw. „Dissimilierung“) der als Sch.
zubstanz bezeichneten Nervenmasse angenommen werden, Eine leichtverständliche Darstellung dieser
Fragen findet man bei (Anm, 13).
Ann. d. Hydr. usw. 1943. Hoft YIIL