Spangenberg, W. W.: Bemerkungen über die Bestimmung der Himmelsfarbe usw. 295
Bemerkungen über die Bestimmung der Himmelsfarbe
nach Gedächtnisskalen.
Von W. W. Spangenberg, Schwerin (Meckl.),
Zusammenfassung: Nach einer kurzen Darstellung einiger allgemeinerer Voraussetzungen werden
die optisch-physiologischen Vorgänge beim Farbensehen und ihre Fehlerquellen behandelt. Es wird
weiterhin unter vergleichendem Anschluß an gleichzeitig ausgeführte Beobachtungen mit der bekannten
Himmelsblauskala von F, Linke gezeigt, wieweit Schätzungen der Himmelsfarbe nach einer Ge-
dächtnisskala überhaupt brauchbar sind. Es ergibt sich dabei, daß solche Schätzungen wohl kaum
einen größeren Allgemeinwert besitzen, streng individuell genommen unter gewissen Umständen aber
doch recht anschauliche Daten liefern können, Trotz dieser Einschränkungen kann die Ausführung
solcher Beobachtungen in gewissen Fällen bei ausreichender Vorsicht angeraten werden.
A. Einleitende Bemerkungen.
Die Tiefe der Blaufärbung des heiteren Himmels wird heute durchweg mit
der bekannten Himmelsblauskala nach F. Linke bestimmt!)?). Dieses außer-
ordentlich einfache und durchaus zweckmäßige Verfahren hat sich in der Praxis
bei genügend eingeübten Beobachtern verhältnismäßig gut bewährt, Wenn hierbei
auch zahlreiche Fehlerquellen zu beachten sind, die diese Methode bei unzu-
reichender Übung sehr wohl in ihrem Wert beeinträchtigen können?)‘), so bleibt
doch die Tatsache bestehen, daß die Linkesche Skala heute in Ermangelung
anderer besserer und ebenso einfacher, handlicher Verfahren immer noch ihre
große Bedeutung behalten hat,
Viele Beobachter ziehen nun aber wegen dieser erschwerenden Momente die
Schätzung der Himmelsfarbe ohne irgendwelche instrumentelle Hilfsmittel durch
Beschreibung des Farbeindruckes nach einer einfachen Gedächtnisskala vor, in
der Annahme, dadurch allen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen und somit,
allerdings auf Kosten einer feineren Unterteilung einfache, zuverlässige und
allgemeingültige Beschreibungen der Himmelsfarbe zu erzielen. Diese Ansicht
trifft aber durchaus nicht absolut zu. Gedächtnisskalen können wohl bei der
Schätzung der Himmelsfarbe in der Hand geübter Beobachter und bei aus
reichender Vorsicht an sich schon recht gute und vor allen Dingen ziemlich
anschauliche Ergebnisse liefern; im Grunde genommen sind aber alle so ge-
wonnenen Daten selbst bei größter Sorgfalt zunächst doch nur streng persönlich
gültig und lassen einen exakten Vergleich mit Beobachtungen anderer Personen
nicht ohne jede Einschränkung zu°). Man ist hierbei allzu leicht zahlreichen
Täuschungsmöglichkeiten ausgesetzt, die meist in ihrem Charakter und ihrer
oft verhängnisvollen Bedeutung nicht erkannt werden und zum Teil sogar größen-
mäßig überhaupt nicht sicher erfaß- und ausdrückbar sind. Eine Kontrolle dieser
psychogenen und physiologischen Momente ist deshalb nur so schwer möglich,
weil sie nach Größe und Richtung für jeden einzelnen Menschen vollständig ver-
schieden ausfallen können. Es fehlt eben dabei in jeder Hinsicht ein absoluter
Maßstab. Die Sicherheit solcher Schätzungen hängt weitgehendst von der Übung
und der Erfahrung des Beobachters ab. Schon allein die Erfüllung einer der
allerwichtigsten Vorbedingungen, der der absoluten Unvoreingenommenheit, ist
an große Schwierigkeit gebunden, ja bei einem geistig selbständig denkenden
und arbeitenden Menschen wohl kaum vollkommen zu erfüllen, weil dieser doch
stets (wenn auch vollkommen unbewußt!) mit einer mehr oder minder fest vor-
gefaßten Ansicht, die das Produkt der diese Beobachtungen veranlassenden und
fördernden vorangegangenen Erwägungen und Erfahrungen ist, an die Beob-
achtungsarbeit herangeht, Wenn z.B. einem Beobachter rein‘ erfahrungsmäßig
bekannt ist, daß eine bestimmte Wetterlage A gewöhnlich mit einem tiefer blau
getönten Himmel verbunden ist als eine andere Wetterlage B, so wird er bei
Anwesenheit der Wetterlage A eher zu einer Überbewertung der Himmelsbläue
neigen, wogegen er bei der Wetterlage B die Himmelsbläue vielleicht etwas
‘) F. Linke in Met, Zschr. 41, 42 [1924]. — % F, Linke und W, Ostwald in Met. Zschr, 45, 367
RS] — 3) W, Kramer: Himmelsblaumessungen, Met. Zschr, 56, 408 0939]. — 9 W. W. And gen-
erg: Bemerkungen zur Bestimmung der Himmelsfarbe nach der Linkeschen Himmelsblauskala,
Ann, d. Hydr. u. mar. Met. 71, 93 [1943]. — % Das gilt nicht nur für Schätzungen der Himmelsfarbe,
sondern auch für Gedächtnisskalen anderer Art.