Flohn, H.: Witterungs-Singularitäten im Monsunklima Indiens, 9291
Wie steht es nun mit der so oft gerühmten Regelmäßigkeit und Pünkt-
lichkeit der Monsune. in Indien? Wir wollen erst einige schon früher ver-
öffentlichte Statistiken heranziehen, die allerdings (wie die Reihe von Madras)
von der klimatisch so abweichenden Ostküste Vorderindiens und von Ceylon
stammen; entsprechende Statistiken von Bengalen oder von der Westküste, etwa
Bombay, sind mir leider nicht bekanntgeworden. Doch ist es wohl erlaubt, auch
diese Statistiken zu verwenden, denn ein Ereignis von der Großartigkeit des
indischen Monsuns wird kaum grundsätzliche Unterschiede auf diesem vom
makroklimatischen Standpunkt aus doch einheitlichen Raum aufweisen.
In Colombo (z) tritt der vorhin erwähnte kleine Monsun im 40jährigen
Mittel am 20. April, der große Monsun am 19. Mai ein. Hier werden aber gerade
die großen Schwankungen im Eintritt des Monsuns bereits 1893 besonders hervor-
gehoben. Die Grenzen liegen für den großen Monsun zwischen 1. Mai und 19. Juni,
und im 22jährigen Zeitraum 1864 bis 1885 beträgt die mittlere Abweichung immer-
hin 10 Tage, In Vizägapatäm (s), an der Ostküste Vorderindiens, rund 200 km
nordostwärts der Godawarimündung gelegen, tritt der Sommermonsun im Mittel
von 38 Jahren (1867 bis 1904) am 26. Juni ein, jedoch mit einer mittleren Streuung
von nicht weniger als 26 Tagen (!) und mit einer extremen Verspätung von vollen
94 Tagen. Zwischen dem Südwest- und dem fälschlich sogenannten Nordost-
monsun, d.h. der Regenzeit des Monsunrückzugs, liegt hier eine im Mittel 9 Tage
dauernde Monsunpause ohne Niederschläge, die am 4. Oktober (mit einer mitt-
leren Streuung von 7 Tagen) eintritt. Die Regenzeit des Monsunrückzugs endet
hier am 23, November, wieder mit einer mittleren Abweichung von 17 Tagen.
In der vorliegenden Beobachtungsreihe von Madras können diese Termine
leider nur noch nachträglich aus den Beobachtungen ermittelt werden. Aus
dem vorliegenden Material wurde der Beginn des Sommermonsuns mit Hilfe der
Bewölkung, in zweiter Linie des Niederschlags gefunden, der Beginn des Monsun-
rückzugs mittels der Winddrehung, das Ende der Regenzeit des Monsunrückzugs
wieder nach Niederschlag und Bewölkung ermittelt. Die in Vizägapatäm auf-
tretende Monsunpause findet sich auch in Madras, jedoch nicht so regelmäßig,
daß sie gesondert statistisch behandelt werden könnte. Hierbei wurden nun
entsprechend den mitteleuropäischen Erfahrungen — in den nicht ganz ver-
einzelt auftretenden Fällen, wo etwa nach Monsunbeginn eine längere nieder-
schlagsfreie heitere Periode eintrat oder der Windwechsel mehrfach rückläufig
wurde, auch diese Termine mehrfach gezählt. Es handelt sich hier um eine Art
Alternieren der Witterungs-Singularitäten, wie es in Europa immer wieder ge-
funden wurde; so kann gerade der Windwechsel beim Durchgang der Konvergenz-
linie, der Übergang zwischen Südwestmonsun und Monsunrückzug, noch einmal
mehrere Tage rückläufig werden, Auf diese Weise wurde der Beginn des Sommer-
monsuns für den 2. Juni mit einer Streuung von 6 Tagen ermittelt, Der Wind-
sprung zu Beginn des Monsunrückzugs, der meist von sehr starken
Regenfällen begleitet wird und die Hauptregenzeit des Karnatik einleitet (kurz
„Monsunwechsel“ genannt), fällt auf den 10. Oktober mit einer mittleren
Streuung von 5 Tagen, das Ende der Regenzeit auf den 14. Dezember mit
einer mittleren Streuung von 11 Tagen. Die extremen Abweichungen betragen
beim Monsunbeginn 15 Tage, beim Ende jedoch 34 Tage,
Diese statistischen Daten lassen die vielgerühmte Pünktlichkeit des indischen
Monsuns in einem etwas anderen Licht erscheinen. Mittlere Abweichungen
von mindestens 5 bis 7 Tagen sind doch schon recht beachtlich und von
einer kalendermäßigen Pünktlichkeit kann keine Rede sein, Aber eines
haben diese Witterungsereignisse vor den Singularitäten unserer Breiten voraus;
ihre nahezu vollkommene Regelmäßigkeit des Auftretens. Während die mittel.
europäischen Singularitäten selbst bei sehr typischen Wetterlagen äußerstenfalls
eine Wahrscheinlichkeit von etwa 50% erreichen (wobei wir allerdings von
alternierenden Terminen absehen müssen), tritt der Monsun in Indien mit prak-
tisch 100% Regelmäßigkeit ein, wenn auch in sehr stark schwankender Intensität.
Diese Verhältnisse lassen sich mit den mitteleuropäischen nicht ohne weiteres
vergleichen. Denn der europäische „Monsun“ ist ja nicht eine völlige Parallele
zum indischen, sondern er besteht aus einer Reihe von manchmal lose, manchmal