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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 71 (1943)

Schober, H.: Die Sichtbarkeit von Seezeichen von d, Seite d, physiologischen Optik usw. 183 
gröbere Zäpfchen (coni). Diese beiden Organe sind keineswegs gleichmäßig über 
die Netzhaut verteilt, In der Mitte, d. h, am Durchstoßpunkt der Augenachse 
mit der Netzhaut, findet man eine kleine Grube (fovea centralis), in der nur 
Zäpfchen sitzen, Da ein Zapfen dort etwa 4 w dick ist, sind auf einem qmm 
13—14 000 Zäpfchen angeordnet, Je weiter wir gegen die Peripherie der Netz- 
haut kommen, desto mehr ändert sich das Verhältnis von Zäpfchen und Stäbchen, 
bis wir am Rande überhaupt nur mehr Stäbehen finden. Der Unterschied in 
den Aufgaben dieser beiden Organarten ist durch den deutschen Physiologen 
von Kries entdeckt und in seiner berühmten Duplizitätstheorie niedergelegt 
worden. Diese durch zahlreiche Beweise gestützte Theorie besagt, daß die 
Zäpfchen das Sehen bei Tage, die Stäbchen das bei Nacht bewirken. Dement- 
sprechend sind die Zäpfchen normalerweise farbentüchtig, aber nur durch starke 
Lichtreize reizbar, die Stäbchen hingegen hochempfindlich, bereits auf die ge- 
ringsten Lichtreize ansprechend und farbenblind. Es kann hier nicht Aufgabe 
sein, die zahlreichen Beweise der Duplizitätstheorie zu erörtern. Doch sei auf 
einen Gesichtspunkt hingewiesen, der gerade für das Erkennen von Leuchtfeuern 
eine Rolle spielt. Es ist dies das von Arago beschriebene „Gespenstersehen“, 
nämlich die Tatsache, daß man lichtschwache Sterne oder Leuchtfeuer in der 
Nacht dann viel deutlicher wahrnehmen kann, wenn man an ihnen vorbeisieht. 
Sehen wir nämlich ein schwaches Lichtzeichen an, so fällt das Bild gerade in 
die Netzhautgrube, wo nur die unempfindlichen Zäpfchen sind und der Lichtreiz 
reicht dann nicht mehr zum Sehen aus. Erst. beim Vorbeisehen werden die 
empfindlicheren Stäbchen an der Netzhautperipherie gereizt, Die Erscheinung 
ist woh) allgemein bekannt und wird gerade vom Seemann unbewußt immer be- 
achtet. Lediglich beim Suchen mit dem Doppelglas bieten sich Schwierigkeiten, 
weil es infolge der durch das Glas vorgegebenen Achsenrichtung nicht immer 
Jeicht ist, an dem gesuchten Objekt vorbeizusehen, anstatt es direkt anzu- 
schauen, 
Mit der Struktur der Netzhaut hängt das anatomische Auflösungsvermögen 
und damit die Trennschärfe für zwei benachbarte Bildpunkte zusammen. Sie 
wird vielfach auch „medizinische Sehschärfe“ genannt, Zwei Bilder können 
nämlich nur dann im Auge getrennt werden, wenn zwischen ihnen ein anders 
gereiztes Zäpfchen liegt. Da in der Netzhautgrube die Zäpfchen dicht an- 
einander gepackt sind und einen Durchmesser von je 4 % besitzen, müssen wir 
zwei Bilder dann trennen können, wenn sie ungefähr dem Abstand zweier 
Zäpfchen entsprechen, Dieser Abstand beträgt unter Berücksichtigung der 
geometrisch optischen Verhältnisse im Auge für den Normalsichtigen bei einer 
Augenbrennweite von 17 mm und moönochromatischem Licht von 555 mu im 
Sehwinkel 0,835 Minuten, Der Lichttechniker definiert als Sehschärfe den rezi- 
proken Wert des in Minuten angegebenen Sehwinkels, das würde also einer Seh- 
schärfe von 2,8 entsprechen, Als Sehschärfe wird gewöhnlich auf Grund der 
medizinischen Prüfung für den Normalsichtigen der Wert 1, d. h. ein Winkel 
von einer Minute angegeben, Ich konnte aber schon vor einiger Zeit zeigen®), 
daß jeder Normalsichtige bei exakt durchgeführten Messungen und entsprechend 
hoher Beleuchtung eine Sehschärfe von 2,5 erreicht; ja der Jenaer Astronom 
Siedentopf ist sogar bis 3,8 gekommen“), Ähnliche Resultate erhält man auch 
in der Seefahrt bei den hohen Tagesbeleuchtungsstärken an Sommertagen, Er- 
fahrene gut sehende Seeleute können noch senkrechte Seezeichen von einander 
trennen, wie sie etwa durch Schiffsmasten, Stangen usw. dargestellt sind, wenn 
der Sehwinkel 30 Sek., d. h. also, wenn die Sehschärfe den Wert 2 beträgt. Daß 
die medizinischen Angaben zu geringe Werte ergeben, ist eine Folge der im 
Prüfraum herrschenden zu geringen Beleuchtungsstärke, Daß gerade senk- 
rechte, langgestreckte Zeichen besonders gut zu trennen sind, kann man aus 
Abb. 1 entnehmen. Die dicht aneinander gepackten Zäpfchen sind hier durch 
eine sechseckige Bienenwabenstruktur dargestellt, Infolge der Linsenfehler und 
» H, Schober und K. Wittmann, Untersuchungen über die Sehschärfe bei verschieden- 
farbigem Licht. „Das Licht“ 8, 1935. 8. 199—201. — *) H. Siedentopf, Kontrastschweile und 
Sehschärfe. „Das Licht“ 11, 1941. 8. 35—37.
	        
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