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Full text: 71, 1943

172 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April/Juni 1943, 
Luft-Wasser gehören) nach einer Form, welche eine relativ grobe Annäherung 
einer aus der Theorie der Strahlenbrechung ableitbaren Kimmtiefenformel dar- 
stellt, so haben die aus der Ausgleichung gewonnenen Koeffizienten der Funk- 
tionswerte überhaupt keine Ähnlichkeit mit jenen, welche sich aus bekannten 
Konstanten für die theoretische Formel errechnen lassen, Das bedeutete, daß 
entweder irgendwelche bedeutsamen Glieder der Theorie unterdrückt worden 
sind oder die Theorie doch nicht ausreicht, den anscheinend kompliziert ver- 
laufenden Gang des Lichtstrahls zu erfassen. ‚Jedenfalls wurde die Theorie ver- 
lassen und kaum noch diskutiert, und das Streben ging einzig dahin, zu dem 
nun einmal bestehenden Ansatz von der Form Kimmtiefe = f (h) + g (AT) die 
Koeffizienten der Funktionswerte auf empirischem Wege zu ermitteln. Das 
wäre auch in der Ordnung gewesen und aus Luft- und Wassertemperatur ein 
für den Temperaturgradienten repräsentativer Wert gefunden worden, wenn 
man bei all den vielen Untersuchungen, die nun folgten, stets auf die gleichen 
Koeffizienten gekommen wäre, Das war nun nicht der Fall. Es ergaben sich 
sogar Vorzeichenunterschiede, Damit schien das ganze Problem begraben zu 
sein. Es half nichts, daß man Zusatzglieder hinzufügte und die Beobachtungen 
häufte, Im Gegenteil: je mehr Untersuchungen und Beobachtungen angestellt 
wurden, um so größer wurden die Widersprüche, so daß von manchen Stellen 
eine Abhängigkeit der Kimmtiefe von den Temperaturverhältnissen, d. h. von 
der Refraktion, überhaupt geleugnet wurde, Mit anderen Worten, es schien so, 
als sei es nicht möglich, auf diesem Wege das Problem zu lösen. 
Wegen der Bedeutung dieses Problems für die Nautik jedoch, für die Ent- 
wicklung mancherlei in der untersten Luftschicht einzusetzenden Geräte und 
zuletzt aus wissenschaftlichem Interesse unternahm Konteradmiral Dr. Conrad 
während .der Dauer von sechs Jahren zahlreiche Untersuchungen, die unter 
großzügigem Einsatz aller Mittel und mit großem wissenschaftlichen Stab 
durchgeführt wurden. Die Kimmtiefen wurden von verschiedenen Festpunkten 
aus mittels Universal-Instrument, die meteorologischen Daten des ganzen in 
Frage kommenden Luftraums gleichzeitig von 2 bis 3 Schiffen, von Booten und 
Fesselballonen aus beobachtet. Die Bearbeitung des riesigen Materials lag in 
den Händen von Konteradmiral Dr. Conrad, Ober-Reg.-Rat Dr. Freiesleben 
und in denen des Verfassers. 
Es seien an dieser Stelle nur einige der wesentlichen Ergebnisse vorweg- 
genommen, um damit das oben erwähnte geophysikalische Kuriosum zu belegen, 
Für eine Beweisführung ist hier nicht der Platz, wie auch die Vorgeschichte 
nur referierend behandelt wurde, Das Werk selbst wird demnächst im Archiv 
der Deutschen Seewarte der Öffentlichkeit vorgelegt werden. 
Diese Ergebnisse seien folgendermaßen zusammengefaßt: 
l. Es gibt Fälle, in denen ein stationäres Gleichgewicht zwischen der 
Temperatur der Luftmasse (potentiell) und jener des Wassers existiert, dann 
nämlich, wenn ein und dieselbe Luftmasse hinreichend lange über ein und der- 
selben Wassermasse lagert. 
In diesen Fällen gibt es eine Beziehung zwischen der Temperaturdifferenz 
Luft-Wasser und dem vertikalen Temperaturgradienten in der Luft allein. D.h. 
besagte Temperaturdifferenz ist repräsentativ für den Temperaturgradienten 
unter Einschaltung eines gewissen konstanten Faktors, Es gibt dann eine Kimm- 
tiefenformel nach oben genannter Art, und sie stimmt sogar mit einigen der 
empirischen Formeln überein, 
2. Es gibt Fälle, in denen ein solches Gleichgewicht zwischen den 
Temperaturen der Luft und des Wassers nicht existiert, dann nämlicb, wenn 
die Luft- oder Wassermasse sich soeben geändert hat, in der Änderung be- 
griffen ist oder beide noch nicht hinreichend lange genug miteinander ver- 
bunden sind, 
In diesen Fällen gibt es keine Beziehung zwischen der Temperaturdifferenz 
Luft-Wasser und dem Temperaturgradienten der unteren Luftschicht. Diese 
Temperaturdifferenz ist in keiner Weise repräsentativ für den Gradienten, und 
es gibt auch keine auf ihr beruhende Kimmtiefenformel.
	        
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