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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April/Juni 1943.
Die Entdeckung der Küstenhebung und -senkung gehört, historisch be-
trachtet, zu den reizvollsten Kapiteln der Naturwissenschaft. Es sei deshalb
gestattet, davon auszugsweise einiges zu berichten :
Im Sinken des Wasserstandes sah man ursprünglich eine allgemeine Ab-
nahme der Wassermassen, die zu erklären war. So ersetzte man in der Zeit des
großen weltanschaulichen Umbruchs am Ausgang des Mittelalters die der Heiligen
Schrift entnommene Vorstellung, die Wasserabnahme sei die langsam verlaufende
Sintflut — schon damit durchbrach man den Wortlaut der Schrift! — durch Vor-
stellungen über Kreisläufe des Wassers, Beispielsweise sah Newton in der Ab.
nahme des Wassers die Folge seiner Verwandlung in „Erde“ — gemeint sind,
modern gesprochen, chemische Umsetzungen aller Art —, und es würde auf diese
Weise. immer mehr verschwinden, wenn es unserem Planeten nicht durch Aus-
dünstungen der Kometen wieder neu zugeführt würde. Eine andere Erklärung
gab Swedenborg; er sah die Ursache der Wasserstandsänderung in der Erd-
vrotation, Sie treibt das Wasser äquatorwärts — es wirken die gleichen Kräfte,
die die Erdabplattung hervorrufen —, und die Rotationsschwankungen der Erde
machen sich infolgedessen in Wasserstandsänderungen bemerkbar,
Urban Hjärne sammelte umfangreiches Beobachtungsmaterial, aus dem
sich sofort ergab, daß nicht nur eine Wasserabnahme, sondern gleichzeitig, aber
an anderer Stelle eine Wasserstandszunahme eintritt, Die „Strandverschiebungen“
der Ostsee werden nicht mehr auf eine, die ganze Erde umfassende Ursache
zurückgeführt, sondern werden als regional bedingt erkannt. Da das Wasser
in früherer Zeit in der Ostsee höher gestanden hat, sucht man in der Niveau-
differenz Ostsee—Weltmeer die Ursache der Wasserabnahme: der Abfluß durch
die Belte wird durch Erosion immer freier, so daß der durch zahlreiche Zuflüsse
bedingte höhere Ostseewasserstand sich allmählich ausgleicht,
Führten die weltweiten Ansichten Swedenborgs und die regionalen Hjärnes
nur zu einer Diskussion im Kreise der Fachgelehrten, so wandten sich die
lateinisch gehaltenen Reden Linne€s und besonders die von Andreas Celsius
an die interessierten Laien. Insbesondere erlangte das „Celsianische Maß“, wo-
nach sich die Küste um 4.5 Fuß (130 cm) im Jahrhundert hebt, große Berühmt-
heit. In der auf diese Reden folgenden öffentlichen Auseinandersetzung wurden
die Ergebnisse der Wissenschaftler verallgemeinert, ohne die von diesen noch
geübte kritische Bewertung. Dies hatte in Schweden unvorhergesehene Folgen:
daß die Ostsee in 3 bis 4000 Jahren leerlaufen würde und daß andererseits
Skandinavien demnach früher eine Insel gewesen wäre, beleidigte den National-
stolz dieses Volkes, das dort beheimatet ist. Zugleich berechnete sich das Alter
der Erde auf diese Weise zu <21 000> Jahren, während die Welt damals nach
theologischen Anschauungen nicht älter als 6000 Jahre sein durfte. Deshalb
veranlaßten die Theologen 1747 auf dem schwedischen Reichstag eine Erklärung,
wonach die Küstenhebungstheorie als unbewiesen und unzuverlässig gebrand-
markt wurde. Dieser Umstand brachte die Polemik aufs neue in Fluß! Es ist
währenddessen eine umfangreiche Literatur über das Thema der Küstenhebung
entstanden, die auch sehr viele wertvolle Beiträge zu der Gesamtfrage geliefert
hat, und von den Ansichten: ob Wasserabnahme oder Landhebung gelangte bald
die eine, bald die andere in den Vordergrund,
Mit der Zeit ebbten die Wogen öffentlicher Diskussion langsam ab und es
traten wieder kritisch denkende Naturwissenschaftler auf den Plan, die in Fach-
kreisen bald die Küstenhebung, bald die Wasserabnahme zu beweisen glaubten.
Mindestens fünfzig namhafte Wissenschafter beschäftigten sich auf „unexakter“
Grundlage bis zum Beginn des 20ten Jahrhunderts mit diesem Problem, Dem-
gegenüber vertrat Axel Erdmann bereits 1852 die Ansicht, daß die Erscheinung
als solche zunächst mit Hilfe von Pegelbeobachtungen exakt erfaßt werden müsse,
ehe man den Ursachen, von denen bisher hauptsächlich gesprochen wurde, nach-
gehen könne. Er gründete deshalb das erste Pegel„netz“ in Schweden. Die Be-
arbeitung der 24jährigen Beobachtungsreihe ergab 1875 nichts Positives, da
dem sogenannten Pegelnullpunkt nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt
worden war.