140 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April/Juni 1943.
Ungleichheiten in den Hochwasserhöhen bei London mit der Theorie von
Bernoulli wurde dann sogar, ebenso wie der geringe Betrag der täglichen
Ungleichheit, von der britischen Admiralität als für alle englischen Häfen
gültig angenommen, so daß Bernoullis Formeln den britischen Gezeitentafeln
in dieser Hinsicht noch bis in den ersten Weltkrieg hinein zugrunde lagen,
Die Vorausberechnung der Gezeiten mittels der Lubbockschen Tafeln gestaltet
sich sehr einfach, indem man die Gesamtungleichheiten in Zeit und Höhe als
Summe der einzelnen Ungleichheiten berechnet und zu den mittleren Hoch- und
Niedrigwasserintervallen und -höhen hinzufügt. Dieses Verfahren ist um so zu-
treffender, je ausführlicher die einzelnen Einflüsse in der angedeuteten Weise
getrennt wurden, und wird noch heute zu den Vorausberechnungen für die
deutsche und niederländische Küste benutzt, da es sich bei Seichtwassergezeiten
von halbtägiger Form sehr bewährt hat. Nachteilig ist der bedeutende Arbeits-
aufwand, den die Herstellung der Tafeln erfordert. In der Tat dürften 19jährige
Beobachtungen der Hoch- und Niedrigwasser bisher weder in England noch auf
dem Festland jemals vollständig nach dem Lubbockschen Verfahren bearbeitet
worden sein, vielfach auch, weil es an gleichwertigen oder überhaupt an Beob-
achtungen über einen solchen Zeitraum fehlt. Bei größerer Zahl der Häfen
wurden daher auch gewöhnlich nur die Abweichungen der wichtigsten Ungleich-
heiten gegen den Verlauf an einem besonders eingehend untersuchten Bezugsort
bestimmt. Die neuzeitlichen mechanischen Rechenhilfsmittel erlauben es jedoch,
auch vollständige Bearbeitungen in beschränkter Zeit auszuführen, so daß das
Lubbocksche Verfahren auch zukünftig noch eine gewisse Bedeutung behalten
dürfte, die nur durch seine grundsätzlichen Unvollkommenheiten beschränkt ist.
Da nämlich z. B. die Parallaxe des Mondes infolge der Sonnenstörungen und die
Deklination des Mondes infolge der Knotenbewegung sich nicht ständig zwischen
den gleichen Grenzen ändern, die Tafeln jedoch für die größten vorkommenden
Intervalle angelegt werden müssen, entstehen bei der Vorausberechnung stets
gewisse Unbestimmtheiten, Ganz unberücksichtigt bleibt der Einfluß der
Sonnendeklination auf die tägliche Ungleichheit. Die Berechnung sehr aus-
geprägter Seichtwassererscheinungen, wie sie z. B. an der niederländischen und
südenglischen Küste in Gestalt doppelter Niedrigwasser. usw. auftreten, ist viel.
fach unbefriedigend, weil beim Lubbockschen Verfahren nicht von einer Dar-
stellung der gesamten Gezeitenkurve ausgegangen wird, so daß auch stündliche
Höhen nur mittels mittlerer Tidenkurven berechnet werden können. Bei ge-
mischter oder eintägiger Gezeitenform schließlich ist das Verfahren überhaupt
nicht mehr anwendbar,
Besonders in diesem letzten Fall ist das harmonische Verfahren unentbehr-
lich geworden, das W. Thomson eingeführt hat, indem er das Potential der
Gezeitenkräfte, ähnlich den Entwicklungen der Störungsfunktion in der
Himmelsmechanik, in eine [in der Ausdrucksweise der Mathematiker unharmo-
nische!l)] trigonometrische Reihe entwickelte, deren Glieder („Tiden‘“) für die
Dauer wenigstens eines Jahres als konstant annehmbare Amplituden und Winkel-
geschwindigkeiten besitzen. Ansätze zu einer solchen Entwicklung finden sich
bereits bei Laplace, dessen beide erwähnte Grundsätze Thomson im übrigen
übernahm, Bei der Darstellung der Gezeiten in seichtem Wasser muß jedoch
außer den astronomischen Tiden noch ein Teil der zugehörigen Ober- und
Verbundtiden, die zuerst von Ferrel und Darwin untersucht wurden, angesetzt
werden, Die Amplituden und Phasen aller dieser Tiden (bei Darwin und
Börgen etwa 30) hat man nach einem der von Thomson, Darwin, Börgen,
Schureman, Rauschelbach, Doodson u. a. angegebenen Verfahren aus
stündlichen Beobachtungen nach Möglichkeit eines Jahres für jeden Ort ge-
sondert als dessen sogen. harmonische Gezeitenkonstanten zu ermitteln. Alle
diese Verfahren stellen nur Annäherungen an die Methode der kleinsten
Quadrate dar, erfordern aber trotzdem bereits einen bedeutenden Arbeitsaufwand,
4) In der (Gezeitenkunde wird jede trigonometrische Reihe mit konstanten Koeffizienten und
Winkelgeschwindigkeiten der Glieder harmonisch genannt, auch wenn die Winkelgeschwindigkeiten
nicht ganzzahlige Vielfache einer Grundgeschwindigkeit sind.