Horn, W.: Die Verfahren zur Vorausberechnung der Gezeiten.
139
für den theoretischen Verlauf der verschiedenen Ungleichheiten, die die ver-
einigte Mond- und Sonnengezeit zeigen müssen, zu berechnen, Diese Tafeln
haben s, Zt. vor allem in England, auch in das nautische Schrifttum, Eingang
gefunden, sind jedoch nunmehr außer Gebrauch gekommen,
Laplace hat, gestützt auf seine dynamische Theorie der Gezeiten als er-
zwungener Schwingungen, insbesondere auf die Grundsätze, daß 1, eine streng
periodische Störung der Schwerkraft Schwingungen des Meeres von der gleichen
Periode hervorruft und daß 2. die Gezeiten als Summe kleiner Schwingungen
anzusehen sind, die den einzelnen periodischen Gliedern des Potentials der
störenden Kräfte entsprechen, die Gezeiten (abgesehen von langperiodischen
Schwankungen des mittleren Wasserstandes) als Summe je einer halb- und ein-
tägigen kosinusförmigen Mond- und Sonnengezeit dargestellt, deren Amplituden
ebenso von den Deklinationen und Entfernungen (Parallaxen) der Gestirne ab-
hängen wie die entsprechenden Glieder des Potentials. Obwohl also diese
Glieder nicht streng periodisch sind und die Gezeiten in Landnähe im all
gemeinen nicht mehr als kleine Schwingungen angesehen werden dürfen, worauf
bereits Lubbock hinwies, stellt doch die Laplacesche Formel die Hoch- und
Niedrigwasser bei Brest nach Zeit und Höhe infolge besonders günstiger Um-
stände befriedigend dar. Sie wird daher, bis auf geringfügige Zusätze und
Verbesserungen von Chazallon und Gaussin, noch heute vom französischen
Service Hydrographique de la Marine zur Vorausberechnung benutzt. Dabei
werden bei der Bestimmung der Hoch- und Niedrigwasserzeiten, die rechnerisch
in zwei Näherungsschritten erfolgt, nur die halbtägigen Glieder berücksichtigt;
alle übrigen Glieder dienen lediglich zur Verbesserung der Hoch- und Niedrig-
wasserhöhen, wobei übrigens der eintägige Teil neuerdings harmonisch aus den
drei Tiden K,, O, und P, berechnet wird, Die Vorausberechnungen für die
übrigen französischen Häfen ergeben sich aus sog. „Tables de Concordance“,
die die Hoch- und Niedrigwasserzeiten und -höhen als Funktionen der ent-
sprechenden Werte für Brest enthalten und aus gleichzeitigen Beobachtungen
abgeleitet sind. Die stündlichen Höhen für Brest und einige weitere Häfen
werden nicht nach der Laplaceschen Formel, sondern durch Interpolation
zwischen den Hoch- und Niedrigwassern mittels entsprechend gestreckter mitt.
lerer Tidenkurven berechnet, In den französischen Vorausberechnungen sind
demnach die tägliche Ungleichheit in Zeit überhaupt nicht, alle übrigen Un-
gleichheiten, mit Ausnahme der halbmonatlichen, nur in der besonderen Form
der Laplaceschen Theorie für Brest berücksichtigt, Mit einer weiteren Ver-
breitung dieses Verfahrens ist daher nicht mehr zu rechnen. Die sog, Alter
sowie die Koeffizienten und Phasen der einzelnen Glieder seiner Formel hat
übrigens Laplace nur aus einzelnen, allerdings aus mehrjährigen Reihen sorg-
fältig ausgesuchten Beobachtungen abgeleitet,
Der tatsächliche mittlere Verlauf der verschiedenen Ungleichheiten wurde
unter weitgehendem Verzicht auf eine theoretische Vorwegnahme ihrer Form
und unter vollständiger Ausnutzung langer Beobachtungsreihen zuerst von
Lubbock und im Anschluß daran auch von Whewell bestimmt, und zwar
grundsätzlich für jeden Ort gesondert. Lubbock hat große Sorgfalt auf die
Trennung der verschiedenen Einflüsse verwandt, indem er z. B. die halbmonat-
liche Ungleichheit der Hochwasser getrennt für jeden Monat, die parallak-
tische, tägliche und Deklinations-Ungleichheit getrennt für jede Kulminations-
stunde des Mondes ableitete. Hierzu müssen die Beobachtungen von nicht
weniger als 19 Jahren, der Zeit, in der angenähert der Knoten der Mondbahn
einen Umlauf und das Perigäum der Mondbahn zwei Umläufe in der Ekliptik
vollführen, bearbeitet werden. Es ist merkwürdig und auch bereits von Airy
bemängelt worden, daß Lubbock und Whewell nachträglich stets versucht
haben, ihre Ergebnisse in KEinklang mit der unzureichenden Theorie von
Bernoulli zu bringen. Offenbar unter dem Einfluß der Gleichgewichtstheorie
hat Lubbock auch bei der Ableitung der Ungleichheiten nicht zwischen
steigenden und fallenden Werten der Parallaxe und der Deklination unter-
schieden. Eine zufällige gute Übereinstimmung der von diesen Größen abhängigen