Dietrich, G.: Über ozeanische Gezeitenerscheinungen in geographischer Betrachtungsweise, 125
Durch Inselketten ist eine gerissene Linie den Projektionen zugrunde gelegt
worden. Gegen die Seeseite wurden auf den einzelnen Projektionslinien der
Springtidenhub 2 -(M, + 5.) des Ortes abgetragen, Dort, wo die Dichte der
analysierten Pegelbeobachtungen nicht ausreichte, sind zusätzlich Orte mit ab-
geleiteten harmonischen Konstanten nach den englischen Gezeitentafeln 19381!)
herangezogen worden, und zwar insgesamt von 823 Küstenpunkten. In anderen
Küstengebieten wiederum, die sehr dicht mit Orten mit analysierten Pegel-
beobachtungen besetzt sind, wurde nur eine Auswahl an Projektionslinien wieder-
gegeben. In die Verbindungslinie der abgetragenen Hubwerte sind sämtliche
bekanntgewordenen Werte des Springtidenhubes hineingearbeitet, Mit Aus-
nahme der antarktischen Küsten, von denen Hubwerte nur aus vier Gebieten
(Graham-Archipel, Roßmeer, Adelie-Land und Kaiser-Wilhelm IL-Land) vorliegen
und einer großen Zahl ozeanischer Inseln sind alle ozeanischen Küsten für den
vorliegenden Zweck ausreichend mit Hubwerten besetzt, so daß die Verteilung
des Springtidenhubes in Diagrammform auf der Weltkarte eine allgemeine
Übersicht zuläßt.
Die Verteilung der physikalischen Elemente, gleich ob sie der Lufthülle,
den Ozeanen oder der festen Erde angehören, zeigen im großräumigen Vergleich
eine bestimmte symmetrische Anordnung, der sich bekannte terrestrische Ein-
flüsse als Störungen überlagern. Man braucht nur an die Verteilung der Luft-
temperatur und des Windes, der Temperatur und des Salzgehaltes an der
Meeresoberfläche oder der erdmagnetischen Komponenten zu denken, um einige
physikalische Elemente zu nennen, Keine der bekannten Zusammenhänge, die
vor allem mit der geographischen Breitenlage bestehen, kommt in der Verteilung
des Springtidenhubes zum Ausdruck. Auf eine Erklärung der außerordentlichen
Änderungen des Springtidenhubes, die selbst auf verhältnismäßig kurzen Ent-
fernungen beobachtet werden, kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
Sie führt unmittelbar an das geophysikalische Problem der Gezeiten des Welt-
meeres, das bis heute keine allgemein befriedigende Lösung gefunden hat, Hier
muß es als Tatsache hingenommen werden, daß die Verteilung des Springtiden-
hubes in den Schwingungssystemen der halbtägigen M,- und S,-Tiden im
offenen Ozean begründet liegt. Das gilt z. B. im großen für den Springtiden-
hub im Atlantischen Ozean, der im Durchschnitt höher als im Indischen und
besonders im Pazifischen Ozean ist. Das trifft in gleicher Weise für regionale
Unterschiede zu, wenn man u. a. den Springtidenhub an der patagonischen
Küste und an der Küste des brasilianischen Staates Rio Grande do Sul ver-
gleicht, an der ersten werden nahezu 10 m erreicht, an der letzten nur 16 cm,
Selbst in ozeanischen Seegebieten finden sich beachtliche Unterschiede des
Springtidenhubes auf engem Raume, So werden für die Faröer im zentralen
Teil (Thorshavn) 32 cm angegeben, gegenüber 140 cm im Nordteil und 120 cm
im Südteil der Inselgruppe.
Eine weitere auffallende Verteilung im Springtidenhub zeigt die Mehrzahl
der groBen ozeanischen Einbuchtungen gegen die Kontinente, Sie seien an
dieser Stelle abgekürzt Buchten genannt, obwohl sie in der Mehrzahl der Fälle
von dem eigentlichen geographischen Begriff nicht mehr erfaßt werden. Von
einem Minimum des Springtidenhubes an den Außenkanten dieser Buchten
steigen die Hubwerte gegen das Innere zu Höchstwerten an. Zu diesen Buchten
gehört im Indischen Ozean der Arabische Golf mit geringen Hubwerten bei
Kap Guardafui in Somaliland (140 em) und Kap Komorin an der Südspitze von
Vorderindien (67 em) und mit hohen Werten im Innern (Bombay 346 cm), die
sich in den Golfen von Kambay und Katsch zu Höchstwerten steigern (Golf
von Katsch 630 em). Ähnlich verhält sich der Springtidenhub im Golf von
Bengalen mit Minimalwerten von 43 cm an der Südspitze von Ceylon und von
nur 18 cm an der Nordwestksüte von Sumatra gegenüber Höchstwerten im
Innern des Golfes von über 4m an der Ganges- und Brahmaputra-Mündung.
Eine weitere Bucht wird von Java und den Kleinen Sunda-Inseln auf der einen
Seite und von Nordwestaustralien auf der anderen Seite gebildet mit kleinen
Fhe Admiralty Tide Tables, Part II, 1938, London 1938.