124 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April/Juni 1943,
Faktor, militärgeographisch kommt ihnen in der Küstenverteidigung und in der
Seekriegführung Bedeutung zu. |
Diese kurzen allgemeinen Hinweise müssen an dieser Stelle genügen, die
ganze Mannigfaltigkeit, die für eine geographische Betrachtungsweise der Ge-
zeitenvorgänge besteht, anzudeuten, Wenn trotzdem geographisch ausgerichtete
Untersuchungen bis heute nicht über lokale Beschreibungen hinausgehen, dann
müssen besondere Gründe dafür vorliegen. Sie können in drei verschiedenen
Richtungen gesucht werden.
1. Die Gezeitenvorgänge im allgemeinen sind, besonders in den drei Ozeanen,
großenteils voller ungelöster Probleme. .
2. Die Erklärung einzelner Gezeitenvorgänge ist von geophysikalischer
und mathematischer Seite mit eigener Problemstellung in Angriff genommen
und besonders für die Rand- und Nebenmeere zu Lösungen in mathematischer
Ausdrucksweise geführt worden, die dem Geographen schwer zugänglich sind
und außerdem die geographische Fragestellung unberührt lassen,
3. Eine umfassende und zugleich großräumige kartographische Festlegung
einzelner Gezeitenerscheinungen, die durch die Beobachtung bestimmt sind,
stößt auf technische Schwierigkeiten in der Darstellung.
Die Gezeitenvorgänge können in verschiedener Weise beschrieben werden.
Die geographisch gesehen wichtigste Größe ist der Tidenhub, besonders der
Springtidenhub der halb- und eintägigen Tiden, Der Springtidenhub bestimmt
den amphibischen Teil des Küstenstreifens, er ist im wesentlichen maßgebend
für die größten auftretenden Gezeitenströme, beides Faktoren, denen in einer
geographischen Betrachtung der Küsten große Bedeutung zuerkannt werden
muß. Demgegenüber sind andere Erscheinungen im Ablauf der Gezeiten geo-
graphisch gesehen zweitrangiger Natur. Das gilt z, B. für die Hochwasserzeit
wie .für den Typus der Gezeiten, d. h. die Scheidung der Gezeitenformen an den
verschiedenen Küstenplätzen in halb- und eintägige Gezeiten und in die Über-
gangsform der gemischten Gezeiten. Im folgenden wird allein auf die Dar-
stellung des Springtidenhubes der halbtägigen Gezeiten eingegangen.
Die ideale Lösung der gestellten Aufgabe wäre eine kartographische Dar-
stellung in Linien gleichen Springtidenhubes, Dem stehen aber zwei Tatsachen
im Wege, die eine brauchbare Darstellung in einer handlichen Weltkarte un-
möglich machen, Die Beobachtungen des Hubes stützen sich bis jetzt allein
auf Küstenpunkte, Bereits auf dem Schelf nimmt der Hub sehr schnell ab und
sinkt am Kontinentalabfall' nach theoretischen Überlegungen der Wellentheorie
auf einen Bruchteil des Küstenwertes, Die Unsicherheiten im Verlauf der Linien
gleichen Springtidenhubes verstärken sich deshalb mit der Entfernung von der
Küste; die Angaben auf dem offenen Ozean außerhalb der Schelfgebiete stützen
sich auf reine Annahmen. Die zweite Schwierigkeit ist technischer Natur,
daß nämlich in einer kleinmaßstabigen Weltkarte, wie sie hier in der Anlage
benutzt wird, keine brauchbare Widergabe der Isolinien möglich ist, besonders
wenn man an den starken Abfall des Hubes auf dem schmalen Schelfstreifen
gegen den Ozean denkt. Hier können nur großmaßstabige Karten zum Ziel
führen, wie sie für einzelne Teilgebiete in den Deutschen Seehandbüchern zu-
grunde gelegt sind, wobei für den Verlauf der Isolinien in Küstenferne die
oben erwähnten Einschränkungen gelten,
In einer geographischen Betrachtung, in der der Gezeitenhub im wesent-
lichen nur als eine Erscheinung an den Küsten interessiert, kann von der
flächenhaften Darstellung abgegangen werden. Bei dieser Einschränkung ist
eine zusammenfassende Wiedergabe der Verteilung des Springtidenhubes in Form
eines Kartodiagrammes möglich (vergl. Tafel). Es beschränkt sich auf die
Ozeanischen Küsten, Auf den begradigten Küstenverlauf wurden die Küsten-
punkte mit harmonisch analysierten Wasserstandsbeobachtungen projiziert, wie
sie durch das „International Hydrographic Bureau“ in Monaco veröffentlicht
sind!). Insgesamt entfallen auf die offenen ozeanischen Küsten 842 Punkte.
4) International Hydrographie Bureau: Harmonie constants, Spec. Publ. No. 26, Monaco 1930
mit Nachträgen 1933, 1936 und 1940.