Bartels, J.: Statistik in der Geophysik,
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Tagen, selbst wenn die Erhaltungsneigung die effektive Anzahl der Beobachtungs-
tage x (h) auf 5000 oder 10000 reduziert.
Die Durchschnittswerte sind um so schärfer definiert, je kleiner die Streu-
ung m (h) von Mittelwerten aus h-Werten wird; die allgemeine Form des Fehler-
Ffortpflanzungsgesetzes zeigt, daß dieses Ziel nicht nur durch die übliche Er-
höhung von h, sondern auch durch Verminderung der Einzelstreuung m (1) oder
durch Verminderung der äquivalenten Wiederholungszahl &(h) erreicht werden
kann. In diesen drei Möglichkeiten (61) liegt ein großer Teil der Erfolgsaus-
sichten geophysikalischer Statistik. Infolge der Begrenzung der Beobachtungs-
reihen wird h meist zwischen 100 und 100000 legen (im Gegensatz zur physika-
lischen Statistik, die z, B. in der kinetischen Gastheorie mit hohen Zehnerpotenzen
rechnen kann), deshalb müssen auch die beiden anderen Möglichkeiten der
Streuungsverminderung geschickt ausgenutzt werden.
Selbst auf dem Gebiet der quasi-persistenten Periodizitäten — wie ich
solche Wellen genannt habe (sa), deren Phase sich von Zeit zu Zeit ändert —,
liegt in der 27tägigen Wiederholungsneigung des erdmagnetischen Störungs-
zustandes und der Intensität der Höhenstrahlung ein hoffnungsvolles Beispiel vor.
Auch neuere Gebiete wie die „Dynamische Klimatologie“ und die „Luftkörper-
Statistik“ werden gewinnen, wenn neben den physikalisch-meteorologischen Be-
trachtungen auch statistische Grundsätze beachtet werden. Und sogar zu solchen
Gebieten, die so weit von der klassischen mathematischen Statistik liegen wie die
Weickmannschen Symmetriepunkte (ı3, ı10e) oder die Schmaußschen Singula-
ritäten (14), wird man einen statistischen Zugang suchen können, wobei man sich
von vornherein das Blickfeld nicht durch die schulmeisterliche Frage nach
„Realität oder Zufall“ oder nach dem prognostischen Wert einschränken sollte,
sondern diese Erscheinungen als beschreibenden Ausdruck gewisser morpho-
logischer Eigenschaften der meteorologischen Zeitfunktionen studieren könnte,
für die geeignete Modellmengen noch zu konstruieren wären,
9. Für eine allgemeine „Morphologie geophysikalischer Zeitfunk-
tionen“ liegen viele Beiträge vor, so in den Arbeiten von Franz Baur (s), in
den bekannten Lehrbüchern von Karl Stumpff (10), in dem erfrischend kritischen
Abschnitt „Klimaperioden“ von Arthur Wagner (11), mit der einfachen Modell-
menge für die sogenannte Brücknersche 35jährige Klimaschwankung, in
verschiedenen Arbeiten von Sir Gilbert Walker (12), Meißner (1ıs) und
K. Fischer (16). Es wäre wohl an der Zeit, diese weit verstreuten Ansätze in
einem Lehrbuch über „Punktwolken“ zu sammeln und einheitlich darzustellen,
wobei schon der Titel zu anschaulicher Darstellung verpflichten sollte. In
einem ersten Band würden die statistischen Methoden systematisch entwickelt
werden, während ein zweiter Band nacheinander die einzelnen Stoffgebiete der
Geophysik vom statistischen Standpunkt behandeln würde, Wenn erst einmal
der reiche Vorrat an statistischen Methoden zugänglich geordnet vorliegt, wird
auch für die Weiterarbeit auf diesem Gebiete eine Grundlage geschaffen sein,
Mindestens wird es dann nicht mehr nötig sein, in jeder speziellen Arbeit die
einfachsten statistischen Grundbegriffe ausführlich zu erläutern; denn seit
Exner und Köppen vor etwa 30 Jahren die deutschen Meteorologen mit dem
Korrelationskoeffizienten bekannt gemacht haben, vergeht kaum ein Jahrgang
einer Zeitschrift, ohne daß die Definition wiederholt würde,
Vorläufig möchte ich, mangels eines solchen Lehrbuches, in kurzen Stich-
worten den Entwurf eines Inhaltsverzeichnisses einer statistischen Vor-
lesung für Studierende der Geophysik, Meteorologie und Ozeanographie geben.
Wenn in den Beispielen jeweils auch die physikalische Seite — Meßmethoden und
Theorie — besprochen wird, so wird eine solche Vorlesung eine vertiefte Auffassung
vieler Teile der Geophysik vermitteln, die bisher in den üblichen Einzelvorlesungen
zu kurz behandelt werden mußten, Erfahrungsgemäß werden nur einzelne Hörer
Veranlagung zu eigenen statistischen Arbeiten haben, wobei die Vorlesung noch
die bequemen Geister abschrecken wird, die sich mit elementarsten Rechen-
operationen begnügen wollten. Alle aber werden gegen pseudo-statistische An-
wandlungen immunisiert werden, zum Nutzen geophysikalischer Forschung.