Ann. d. Hydr. usw., XXXXIV. Jahrg. (1916), Heft X.
77
4y
Die Bestimmung von Windrichtung und .-stärke im fahrenden Flugzeug,
Von W. Immler, Elsfleth. ;
(Hierzu Tafel 14.)
Bei größeren Überlandflügen, bei denen das vorgesteckte Ziel ohne zu
große Umwege erreicht werden muß, ist es für den Flugzeugführer eine unbe-
dingte Notwendigkeit, den Einfluß des Windes auf sein Flugzeug zu ergründen,
damit er aus der beobachteten Abtrift sofort den nötigen Vorhaltewinkel erkennen
kann, den er anwenden muß, um sein Ziel geradeswegs zu erreichen,
Bisher blieb die Lösung dieser Frage m. E. in ihren Anfängen stecken
und gab nicht den erwünschten brauchbaren Aufschluß, und so sei es Zweck
der folgenden Seiten, eine Antwort zu finden, an deren Hand der Flugzeug-
führer instand gesetzt wird, die Einwirkung des Windes restlos in seine Berech-
nung. einzubeziehen,
Die Lösung der Aufgabe beruht auf einer Betrachtung des Winddreiecks,
das dem in der Nautik gebräuchlichen Stromdreieck nachgebildet ist. In Fig. 1
bedeute v Größe und Richtung der eigenen Flugzeuggeschwindigkeit, w Wind-
stärke und -richtung, dann ist v’ Größe und Richtung der Fahrtgeschwindigkeit.
Die entsprechenden Begriffe in der Nautik wären: v Fahrt durchs Wasser,
w Strom und v’ Fahrt über Grund. Der Winkel x zwischen Fie. 1
v und v‘ gibt die »Abtfrift«, wobei ich mir bewußt‘ bin, MB
daß die Übertragung dieses Wortes aus der Nautik indie
Flugtechnik nicht glücklich ist und vielleicht durch einen
besseren Ausdruck (»Abdrängung«) eingetauscht werden
muß. Denn in der Nautik versteht man unter Abtrift den
Winkel zwischen der Kursrichtung des Schiffes und der
durch den Wind verursachten seitlichen Kursversetzung im
Wasser, während in der Flugtechnik die bewegende Ur-
sache (Wind) zugleich das bewegt Element (Luft) ist, in
dem sich das Flugzeug befindet. Das Schiff ist in der Lage, dieser Abtrift wirk-
sam durch seine Bauart zu begegnen oder durch Winkelabschätzung zwischen
Kielrichtung und: Kielwasserrichtung in Rechnung zu setzen, während das Flug-
zeug dieser Kraftkomponente widerstandslos preisgegeben ist. Doch möge gestattet
sein, im. folgenden das Wort »Abtrift« beizubehalten, bis ein besseres Wort dafür
in Aufnahme gekommen ist. .
Da im Elemente Wasser die Stromversetzung eines Schiffes im Vergleich
zur eigenen Fahrtgeschwindigkeit relativ gering ist, so genügt es für die See-
fahrt, durch Bestimmung des astronomischen Bestecks im Vergleich zum gegißten
Ort alltäglich diese Stromversetzung als Zusatz in Rechnung zu setzen. Die
nötigen Handhaben bieten außerdem die guten Karten der gesetzmäßigen Meeres-
strömungen, während wegen der starken Wechsel von Windgeschwindigkeit und
-stärke in den Luftschichten wohl schwerlich die dortigen Verhältnisse karto-
graphisch zur Darstellung gelangen werden; vorerst ermangelt diese Frage noch
fast jeder praktischen Erfahrung.
In der Seefahrt sind nun zwei Methoden gebräuchlich, um solche Strom-
versetzungen zu bestimmen; sie beruhen auf dem Vergleich des durch Koppelung
der gesteuerten Kurse durch das Wasser gefundenen gegißten Ortes mit dem
wirklichen Schiffsort, der entweder (auf hoher See) durch astronomische Mittel
oder (in der Nähe der Küste) durch terrestrische Messungen gefunden werden
kann. Diese beiden Methoden werden auch der Luftschiffahrt die einzige Mög-
lichkeit der Bestimmung von Windrichtung und -stärke geben, Das Folgende
sei der terrestrischen Methode gewidmet, die, wie sich ergeben wird, im Pfad-
finderkompaß für Luftschiffe und Flugzeuge das notwendige, aber auch voll-
ständig ausreichende Instrument bereits besitzt,
Ann. d. Hyadr. usw 1916. Heft X