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Full text: Tsunami - Untersuchungen für die deutsche Nordseeküste

Die Küste, 72 (2007), 65-103 
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schwingungsgezeit der Nordsee ist die halbtägige Gezeit. Seegang in der offenen Nordsee hat 
Perioden T in der Größenordnung von 10 s (COUPER, 1983) und integrale Wellenlängen bis 
250 m. „Dazwischen“ liegen Tsunami. Sie haben je nach Erzeugung Perioden in der Größen 
ordnung von 100 s (Meteoriteneinschlag), 10 Minuten (Erdbeben) und 30 Minuten (Hangrut 
schungen). Ward (2002) definiert ein „Tsunami-Fenster“ durch Perioden von 100 bis 2000 s. 
Ein einzelner Tsunami hat ein engeres Spektrum und wird daher durch eine einzige Periode 
charakterisiert. Typische Wellenlängen bei einer Periode von 30 Minuten liegen zwischen 
400 km in der Tiefsee und 20 km im flachen Wasser. Sieht man von Meteoriteneinschlägen 
ab, so ist die Periode von Tsunami etwa um einen Faktor 200 größer als die von Seegang und 
um einen Faktor 20 kleiner als die der halbtägigen Gezeit. Damit scheinen Modelle der täg 
lichen Wasserstandsvorhersage näher an der Beschreibung von Tsunami zu liegen als Theo 
rien zur Seegangsbeschreibung. Andererseits werden Tsunami durch die Erdrotation wenig 
beeinflusst. Die Trägheitsperiode beträgt am Pol etwa 12 Stunden und nimmt zum Äquator 
hin zu. Daher sind klassische, rotationsfreie Wellentheorien zum Verständnis von Tsunami 
herangezogen worden (z.B. VoiT, 1987). Diese sind für kurze Windwellen bis hin zum See 
gang entwickelt worden und betrachten zunächst nur einzelne Wellen, d.h. fortschreitende 
Wellen bei gegebener Wellenlänge, Wellenhöhe und Periode. Eine klare Darstellung analy 
tischer Wellentheorie und der zu Grunde liegenden Approximationen gibt Peregine (1972). 
Neuere Theorien diskutieren Liu et al. (2002). 
Einzelne Theorien unterscheiden sich durch die Wahl der berücksichtigten Prozesse. 
Mit der Vernachlässigung der Advektion (nichtlineare Terme) in den Gleichungen und ihren 
Randbedingungen werden Formänderungen der Welle unterdrückt. Lösungen linearer Glei 
chungen (Airy-Laplace Theorie) erhalten also die Form der Oberflächenauslenkung. Eine 
einfache Welle, deren Ausbreitungsgeschwindigkeit eine Funktion ihrer Periode ist, wird als 
frequenz-dispersiv bezeichnet. Ob eine Approximation auf dispersive Wellen führt, lässt sich 
erst an der Lösung erkennen (Whitham, 1999). Die Vernachlässigung der lokalen vertikalen 
Beschleunigung, öw/öt, macht lineare Gleichungen zu hydrostatischen linearen Gleichungen, 
deren Lösung dispersionsfrei ist. Komplexere Approximationen wie Boussinesq-Glei- 
chungen (z.B. BOUSSINESQ, 1871), und deren Sonderformen Korteweg-de-Vries-(KoRTEWEG 
et ah, 1895) und KP-Gleichung (KODOMTSEV et ah, 1970) sind sowohl dispersiv als auch 
formändernd, allerdings jeweils nur näherungsweise (cnoidale und solitäre Wellen). Andere 
nichtlineare nicht-hydrostatische Theorien (z.B. Stokes, 1847) gelten nur für sehr kleine 
Oberflächenauslenkungen und sind daher hier nicht von Interesse. Lineare Boussinesq-Glei- 
chungen sind formerhaltend und zur ersten Ordnung dispersiv. 
Der vielfältige Einfluss variabler Bodentopographie, Reflexion, Refraktion, Beugung 
und Energiekonzentration („shoaling“) ist in linearen nicht-hydrostatischen und nichtline 
aren hydrostatischen Gleichungen über die Bodenrandbedingung berücksichtigt. Seine Inte 
gration in Boussinesq-Gleichungen ist nur bei komplexen Arten dieser Gleichungen möglich 
(Peregine, 1972; Madsen et ah, 1991; Madsen et ah, 1992; Liu et ah, 2002). 
Verschiedene Approximationen sind jeweils nur für einen bestimmten Bereich der Pa 
rameter Wellenhöhe H, Wellenlänge L und ungestörte Wassertiefe h gültig. Bei geeigneter 
Skalierung (VoiT, 1978) kennzeichnet h 2 /L 2 gegen Null (d.h. h/L < 0,05) den hydrostatischen, 
0.5 H/h gegen Null (d.h. H/h «1) den linearen Grenzfall. Beide Parameter allein reichen 
aber zur Bestimmung des Gültigkeitsbereichs einzelner Wellentheorien nicht aus. Nach 
Ursell (1953) legt vielmehr die relative Größenordnung von Nicht-Hydrostatik h 2 /L 2 und 
von (horizontaler) Nichtlinearität 0.5 H/h, der sogenannte Ursell-Parameter U, die notwen 
dige Allgemeinheit der Gleichungen fest. h 2 /L 2 « Q3H/h {U» 1) gestattet die hydro 
statische Approximation. h 2 /L 2 »Q.5H/h {U« 1) erlaubt lineare Gleichungen. h 2 /L 2 ~
	        
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