Die Küste, 72 (2007), 65-103
67
atlantik bis 1963 gibt BERNINGHAUSEN (1964). 2005 widmete die Zeitschrift „Marine Geo-
logy“ eine spezielle Ausgabe den Ergebnissen eines Symposiums aus dem Jahr 2003 über
Tsunami mit Beispielen aus dem Atlantik und aus Europa.
Unmittelbar nach dem Tsunami von 2004 erteilte das Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren den Auftrag
zur Entwicklung eines Tsunami-Frühwarnsystems für den Indischen Ozean, später auch für
das Mittelmeer und den Atlantik. Am BSH, der für die Wasserstandsvorhersage an Nord- und
Ostsee verantwortlichen zentralen Meeresbehörde, wurde im Rahmen des Projekts „Tsunami-
Untersuchungen für die Nordsee“ (Bork et ah, 2007) der Frage nachgegangen, ob auch an
deutschen Küsten ein aus dem Atlantik kommender Tsunami als potentielle Gefahrensituation
betrachtet werden muss und wieweit verfügbare Modelle zur Simulation von Tsunami geeignet
sind. Vergleichbare Studien wurden von anderen Staaten erstellt. Die in britischen Berichten
(Kerridge, 2005; Smallman, 2006) und einer dänischen Untersuchung (Buch et ah, 2005)
vorgestellten Modellergebnisse ergänzen die Simulationen in Kap. 4 und 5.
Der Tsunami vom Dezember 2004 hat hauptsächlich deshalb eine Diskussion über Tsunami
in der Nordsee ausgelöst, weil er die Küsten- und Inselbewohner im Indischen Ozean völlig
unvorbereitet getroffen hat. Es bestand keine kollektive Erinnerung an Tsunami, obwohl schwere
Tsunami in der Region nicht sehr weit zurückliegen. Der Ausbruch des Krakatau-Vulkans war
1883. 1907 waren westlich von Sumatra bei einem Tsunami der Stärke 4 (auf einer Intensitäts
skala von -5 bis +5, ab 2001 Intensitätsskala von 1 bis 12) 400 Tote zu beklagen. 1941 forderte
ein anderer Tsunami der Stärke 4 in der Andaman See nördlich von Sumatra 5000 Tote.
In der deutschen Öffentlichkeit und auch bei vielen Wissenschaftlern gab es vor dem
Dezember 2004 keine assoziative Verbindung zwischen Tsunami und Nordsee. Es hat sie aber
gegeben. Die zeitlich nächsten großen Tsunami, deren Ausläufer die Nordsee erreichten, sind
die durch die Hangrutschung bei Neufundland (1929) und infolge des Erdbebens von Lissa
bon (1755) ausgelösten Tsunami. Das Gefühl einer potentiellen Gefährdung wird jedoch von
den nachgewiesenen Auswirkungen der Storegga-Hangrutschung hervorgerufen. Diese liegt
etwa 8000 Jahre zurück und hat wahrscheinlich zur Zerstörung der Landbrücke zwischen
England und dem Festland beigetragen (Derbyshire et ah, 2003). Vor 65 Millionen Jahren
war der Meteoriteneinschlag in Yucatan (Mexiko) Ursache für einen verheerenden Tsunami
im prähistorischen Atlantik. Das Gebiet der heutigen Nordsee war jedoch nur von dem durch
den Meteoriteneinschlag bedingten Klimawandel indirekt betroffen. In die prähistorische
Nordsee schlug vor 65-60 Millionen Jahren ein wesentlich kleinerer Asteroid ein. Der Mjol-
nireinschlag war vor etwa 140 Millionen Jahren. Modellrechnungen (Glimsdal et ah, 2007)
schließen einen Teil der Paleo-Nordsee ein. Seit 1952 wurden mehrere kleinere Tsunami in
norwegischen Fjorden registriert, der letzte 1999 (Maramai et ah, 2003). Die jüngsten Ein
träge in der russischen Datenbank mit Quellregion Island sind von 1924 und 1934.
Trotz dieser historisch belegten Tsunami sind die Untersuchungen dieses Artikels eher
als Prinzipienstudie zur Simulation mittellanger Wellen zu sehen denn als Entwicklung eines
Werkzeuges zur Tsunami-Warnung für die deutsche Nordseeküste.
2. Analytische Darstellung von Tsunami
Die Ausbreitung von sehr langen Wellen - Gezeiten- und Fernwellen - in die Nordsee
hinein ist Gegenstand täglicher Wasserstandsvorhersage. Sie haben charakteristische Längen
L in der Größenordnung von 1000 km und Wellenhöhen H von bis zu 2 Meter am Nordrand
der Nordsee und bis zu 4 m in den Ästuaren der Deutschen Bucht. Die dominierende Mit-