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Ueber die Orkane in der Bai von Bengalen hat Mr. Henry F. Blanford
in neuester Zeit eingehende Untersuchungen angestellt, deren Resultate in
ginem Werke, betitelt „The Indian meteorologists Vade-Mecum“, im Jahre 1877
niedergelegt sind. Dieselben sollen hier im Auszuge und in deutscher Ueber-
setzung soweit wiedergegeben werden, als sie vorzugsweise für den Seemann
von Belang sind. Es heisst in dem angeführten Werke:
„Die Cyklonen der Bai von Bengalen bestehen aus einem atmosphärischen
Wirbel, einem Luftwirbel, der nach oben strömt. Die Winde der unteren Atmo-
sphäre wehen von allen Richtungen mehr oder weniger schräg demselben zu,
und werden in dom Wirbel selbst mehr tangential. und gleichzeitig heftiger,
indem die grösste Stärke des Sturmes in der Nähe des Contrums ist. Aber im
Centrum selbst ist absolute Windstille, oder es wehen höchstens leichte ver-
änderliche Winde. Diese Stillengegend, welche die Form eines Kreises oder doch
nahezu eine solche hat, ist mitunter bis zu 15 oder 20 Sm Durchmesser, zu
anderen Zeiten wieder nicht halb so ausgedehnt, und an ihren entgegengesetzten
Grenzen sind die Windrichtungen direkt entgegengesetzt.“
Der Grad, bis zu welchem die Winde einwärts, dem Centrum zu, biegen,
oder von der wahren tangentialen Richtung abweichen, ist ein Punkt, über
welchen grössere Gewissheit wünschenswerth wäre. Redfield war der Meinung,
dass es nicht wahrscheinlich ist, dass er jemals bis zu 45 Grad von der Tan-
gente abweicht, und dass es sehr zweifelhaft sei, ob solche Neigung im Mittel
jemals 2 Kompassstriche übersteigt. Aber Mr. Meldrum hat gezeigt, dass in
einer beträchtlichen Entfernung vom Centrum die Richtung mitunter radial oder
doch nahezu so ist. In Bezug auf die Stürme der Bai von Bengalen ist folgende
Regel des Mr. Willson wahrscheinlich eine gute Verallgemeinerung: „Mit dem
Gesicht gegen den Wind ist die Richtung des Centrum von 10 bis 11 Striche
zur rechten Seite“.*) Die Richtung ist indessen schwankend in verschiedenen
Stürmen, und sogar zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Theilen des-
selben Sturmes, auch scheint es nach den Resultaten der Vergleichung der von
verschiedenen Darstellern gegebenen Karten, dass am Lande und in der Nähe
des Landes die Richtung beträchtlich mehr radial oder weniger tangential ist,
als auf der offenen See, Mr. Blanford ist indessen vollständig der Meinung
des Mr. Meldrum und Mr. Willson, dass ein hartnäckiges Festhalten an den
Regeln, welche von Reid, Dove und Piddington aufgestellt sind, und aus
der Annahme hervorgehen, dass die Winde in einer tangentialen Richtung wehen,
wobei ihr spiralförmiges Zusammenlaufen in einem Punkt nicht in Betracht ge-
zogen wird, in der Praxis gefährlich sein und zu Unglücksfällen führen kann.
Jede cyklonische Cirkulation der Winde findet um ein Feld niederen
Druckes statt, und es ist lange bekannt gewesen, dass eine schr grosse Ver-
ringerung des Druckes unter dem Mittel den cyklonischen Wirbel charakterisirt,
indem die centrale Windstille der Sitz des geringsten Druckes ist. Es ist nicht
ungewöhnlich, Depressionen von 38-—40mm in diesem Theile des Sturmgebietes
anzutreffen, im Vergleich mit denen, welche rundum vorherrschen, und mit dem
barometrischen Mittel der Zeit und des Ortes. Die niedrigsten wohlverbürgten
Luftdruckangaben, beobachtet an verglichenen Barometern, sind indessen in
indischen Stürmen selten niedriger, als 713mm. Auf See aber sind authentisch
niederere Stände beobachtet. Die Lootsenbrigg „Coleroon“ beobachtete in einer
Cyklone am 15. Oktober 1874, während sich das Schiff in der centralen Stille
befand, nur 700,52 mm.
Der barometrische Gradient in dem Wirbel einer Cyklone ist dicht bei
der centralen Windstille am steilsten, in Folge dessen wird der Fall des Baro-
meters an irgend einem Orte der Bahn des Centrums rascher und rascher erfolgen,
sobald das Centrum sich nähert. Aus den verschiedenen Beobachtungen kann
man mit Sicherheit schliessen, dass in dem Wirbel der besonders heftigen
Stürme dieser Art der mittlere barometrische Gradient noch etwas grösser ist,
als 25mm auf 50 nautische Meilen,
Als allgemeine Regel fällt das Barometer 3 oder 4 Tage vor dem Heran-
nahen einer Cyklone allmählich, aber nicht beständig. In solchen Fällen fällt
während der Bildung des Wirbels der Druck allmählich über der ganzen Bai
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Vgl. „Ann. d. Hydr, etc,“, 1876, pag. 156, und Anm,