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Vermuthung nahe, dass bei Kirchdorf, dem der Seewarte am nächsten ge-
jegenen. Orte, irgend ein Umstand vorhanden sein müsse, der dieses Resultat
veranlassen könne. Die Spiegel - Parallaxe, oder der Fehler, welchen eine
unrichtige Centrirung des Sextanten auf dem Stativ veranlasst, können keine
genügende Erklärung liefern, da bei der 7000m betragenden Entfernung Kirch-
dorfs von Hamburg selbst die Grösse von 10 Centimetern, um welche der
Mittelpunkt des grossen Spiegels niemals von seiner richtigen Stellung ab-
gewichen ist, nur unter einem Winkel von 2” erscheint. Da Kirchdorf inmitten
der Insel Wilhelmsburg rings von Wasser umgeben und nahe vor einem Höhen-
zuge, welcher südlich der Elbe sich hinzieht, gelegen ist, die Lichtstrahlen
daher auf dem Wege von dort nach Hamburg oft verschiedene, theils mit Nebel,
theils mit Rauch erfüllte Luftschichten zu passiren haben, so lag die Vermuthung
nahe, dass eine seitliche Strahlenbrechung der Grund der in Rede stehenden
Abweichung sein könne. In diesem Falle aber müsste nothwondig der Winkel
Ochsenwärder— Kirchdorf um soviel zu gross gemessen werden, wie der unmittelbar
nachher gemessene Winkel Kirchdorf — Harburg zu klein gofunden wird. Die
Untersuchung hat nun aber ergeben, dass eine solche seitliche Strahlenbrechung
in diesem Falle nicht nachweisbar ist, und muss daher auch die Thatsache
der häufigen Abweichung grösseren Betrages bei Messung des Winkels Ochsen-
wärder — Kirchdorf vorläufig unerklärt bleiben.
Wie schon erwähnt, macht indess bekanntlich bei Anwendung der Methode
der kleinsten Quadrate eine vereinzelte grössere Abweichung im Resultate sich
nur im geringen Maasse bemerklich, und ist dieses ein gewichtiger Grund mehr,
wonn möglich bei Sextanten - Prüfungen stets die von uns erläuterte Methode
der Messung vieler Winkel anzuwenden und von der im April-Heft des Jahr-
gangs 1876 dieser Annalen erwähnten Methode, bei welcher nur 2 Winkel ge-
messen werden, abzusehen, zumal auch alsdann die Untersuchung auf prisma-
tische Gestalt des grossen Spiegels entschieden nothwendig wird, denn welche
Excentricität würden wir in unserem oben angegebenen Beispiele gefunden
haben, wenn wir nur die Gesammt-Korrektion bei 20° = — 20“ und bei 120°
= — 66” beobachtet und in Rechnung gezogen hätten!
Schliesslich möge noch erwähnt werden, dass der Umstand, dass im
Winter sowie auch im Sommer bei vorherrschend regnerischer Witterung oder
bei nordöstlichen Winden die Thürme, welche zur Winkelmessung benutzt
werden, vom Dache des Seemannshauses häufig längere Zeit hindurch gar nicht
oder nur mit grosser Mühe erblickt werden können, veranlasste, Versuche der
Winkelmessung zwischen näheren, in der Stadt gelegenen Objekten, welche nach
der meist von Dunst und Rauch freien Nordseite gelegen sind, anzustellen.
Obgleich nun sowohl die Azimut- als Höhen - Unterschiede der in Rede stehenden
Objekte sorgfältig mit Hülfe eines guten Universal-Instruments von einem genau
fixirten Punkte aus gemessen waren, so misslangen doch die wiederholten
Versuche der Sextantenprüfung nach diesen Gegenständen vollständig und
mussten dieselben aufgegeben werden. Einmal waren manche Sextanten nicht
so sorgfältig auf dem Stativ zu centriren, wie bei diesen nahen Gegenständen
nothwendig war, andererseits scheinen durch die Lage innerhalb der Stadt be-
dingte atmosphärische Einflüsse sehr störend eingewirkt zu haben.
Die vorstehenden Auseinandersetzungen lassen zur Genüge erkennen,
dass das auf der Scewarte angewendete Verfahren der Sextanten-Prüfung,
wenn es auch nicht strenge gemäss den Definitionen der Fehlerquellen ist,
30 doch nur Resultate liefern kann, welche allen praktischen Anforderungen
entsprechen und mit Rücksicht auf den Aufwand von Mühe und Zeit, welchen
die Sextanten- Prüfung im Allgemeinen erfordert, uncrreicht dasteht, da auf
diesem Wege ein Sextant in kaum 3 Stunden geprüft, die Konstanten seiner
Excentricität und die daraus abgeleitete Korrektions-Tabelle berechnet, das
Certifikat ausgeschrieben, und die nöthige Eintragung in die Bücher der See-
warte bewerkstelligt sein kann.