201
Der frühere schr lebhafte Verkehr der Walfischfänger hat in den letzten
Jahren, in Folge sehr schlechter Geschäfte derselben, bedeutend abgenommen,
Während im Jahre 1858 noch 526 Walfischfänger Honolulu besuchten, kamen
1870 nur noch 118 und 1876 nur 37, dahingegen hat sich der Küstenhandel und
der Handel mit Europa und Amerika wesentlich gehoben.
Das deutsche Handlungshaus H. Hackfeld & Co., eines der ersten Ge-
schäftshäuser hier, welches gleichzeitig die Agentur der „Pacific Mail Steam Ship
Company“ hat, lässt fünf eigene Barkschiffe unter hawali’scher Flagge direkt
zwischen Honolulu und Bremen fahren. Registrirt unter hawali’scher Flagge
fahren 52 Schiffe mit 9405t Tragfähigkeit, darunter 1 Voll- und 7 Barkschiffe.
Ausserdem berühren die von San Francisco nach Australien gehenden
Dampfer auf ihren Hin- und Zurückreisen je zweimal monatlich Honolulu, wofür
die Regierung von Hawaii der Gesellschaft eine Subvention von 20000 Dollars
yiebt. Im Jahre 1876 liefen 141 Schiffe mit 108 706t Tragfähigkeit in die
hawali’schen Häfen ein. Der Totalwerth des Imports betrug 1811 770 Dollars
und der Export 2241 041 Dollars.
Der Haupthandel ist in den Händen der Amerikaner. Dieselben stellen
auch das grösste Kontingent zu der weissen Bevölkerung der Hawali- Inseln.
Während die einheimische Race mit Riesenschritten dem Aussterben entgegen-
geht, und selbst die Mischlinge wenig zur Fortpflanzung geeignet erscheinen,
vermehren sich die eingewanderten Weissen in dem herrlichen Klima erstaunlich
schnell. Man schenkt diesem Umstande seit längeren Jahren viel Aufmerksam-
keit. Während z. B. in 9 Missions-Familien ein Kindersegen von 59 Köpfen,
ungefähr 6 pro Familie, vorhanden ist, haben im Durchschnitt 20 hawaii’sche
Häuptlingsfamilien nur 19 Nachkommen, Die Missions-Familien haben sich in
einer Generation durch Nachwuchs um 175° 9 vermehrt und können, in derselben
Progression fortfahrend, die Inselbevölkerung in 100 Jahren um 59000 Seelen
vermehren, Nach offiziellen Dokumenten fanden von 1868—1871 unter den
Eingeborenen 4961 mehr Todesfälle als Geburten statt, d. h. eine Dekadenz
von 1250 pro Jahr. Der Census verschiedener Jahre ergab nach Schätzung:
1823 1832 1836 1853 1860 1866 1872
142 050 130313 108579 73138 69800 62959 56897 Einwohner,
während Cook 1779 die Zahl sämmtlicher Inselbewohner auf 400 000 schätzte.
Nach Nationalitäten gerechnet befanden sich 1872 auf den hawaii’schen
Inseln 49044 Eingeborene, 2487 Mischlinge, 1938 Chinesen, 889 Amerikaner,
619 Engländer, 395 Portugiesen, 224 Deutsche, 88 Franzosen, 364 verschiedener
Nationalität und 849 auf Hawaii geborene Kinder von Fremden,
Seit Juni 1876 hat die hawali’sche Regierung mit den Vereinigten Staaten
Amerika’s einen Reciprocitäts-Handelsvertrag abgeschlossen, wonach eine Reihe
der hauptsächlichsten hawaii’schen Agrikultur-Produkte, namentlich Rohzucker,
Reis, Häute, Talg und Früchte, steuerfrei in die Vereinigten Staaten eingeführt
werden, wogegen letztere sich einen steuerfreien Markt für ihre Produkte, der
Viehzucht und des Ackerbaues, der Baumwollen-Manufaktur und vieler anderer
[ndustriezweige, sowie für landwirthschaftliche Maschinen und Geräthe gewahrt
haben.
Die direkte Folge dieses Vertrages ist ein früher kaum geahntes Auf-
blühen der Zuckerplantagen auf allen Inseln. In den ersten 9 Monaten des
Jahres 1877 ergab sich schon ein Mehrexport von Zucker im Werthe von
800 000 Dollars gegenüber dem Vorjahre 1876. Auf alle nicht im Reeciprocitäts-
Vertrage mit den Vereinigten Staaten aufgenommene, oder nicht aus letzteren
stammende Artikel ist seit vorigem Jahre zu der bereits bestehenden Einfuhr-
steuer von 10%, noch ein Zuschlag von 15°0 gemacht worden.
Der grosse Mangel an Arbeitskräften ist das einzige Hinderniss, welches
dem noch schnelleren Aufblühen der unter so glücklichen klimatischen Verhält-
nissen liegenden hawali’schen Inselgruppe entgegensteht. Man hat bis jetzt mit
nur geringem Erfolg die in San Francisco so schlecht behandelten Chinesen zur
Einwanderung zu überreden gesucht. Seitdem durch gewissenlose Spekulanten
viele Chinesen unter falschen Vorspiegelungen nach den südlich gelegenen
Guano-Inseln gebracht worden sind, wo die Meisten der mörderischen Arbeit
in den Guanolagern erlegen sind, haben die Chinesen ein bisher nicht zu be-