Reisebericht des Kapt. G. Greem, Führer des Schiffes „Emin Pascha“.
von 40 Sm in der Stunde — in ostsüdöstlicher Richtung fortbewegt hat. Die
Schiffe befanden sich auf der linken Seite seiner Bahn. . . ;
Melbourne. Kapt. Green fährt, wie folgt, in seinem Bericht fort: Es
ist von Wichtigkeit, bei der Einsegelung mit dem Laufe der Gezeitenströmung
bekannt zu sein, denn mit einer leichten Briese ist es nicht immer möglich, den
Strom todt zu segeln. Die englische Admiralitäts-Karte giebt die Hafenzeit für
Lonsdale Point zu 9* 42” an. Wenn, man diese Angabe jedoch seiner Berechnung
der Gezeiten zu Grunde legt, so kann man leicht zu einem falschen Schlusse
kommen, wie es mir ergangen ist. Ich hatte nämlich gefunden, dafs es etwa um
8 Uhr morgens Niedrigwasser sein müsse, und wir demgemälfs bei der vorhandenen
leichten. Briese wohl schon um 7 Uhr den Versuch machen könnten, einzulaufen,
Der um 6" 45" a an Bord gekommene Lootse theilte mir jedoch mit, dafs die
Ebbe erst eben begonnen habe, und wir sofort alle Segel setzen müfsten, um
noch vor Beginn der starken Strömung die Enge zu passiren. Dieses gelang
denn auch, weil der Wind. tüchtig auffrischte, und wir kamen, wie schon gesagt,
um 11 Uhr vormittags auf der Rhede von Melbourne zu Anker, Nach Aussage
des Lootsen hat er bei Ausführung seines Dienstes schon öfters die Erfahrung
gemacht, dafs die Kapitäne ganz falsch über die Gezeiten unterrichtet waren und
aus diesem Umstande nutzlos Zeit verloren.)
Während unseres Aufenthaltes in Melbourne vom 15. Februar bis zum
6. April 1891 war der Wind tagsüber fast ohne Unterbrechung Süd oder SE.
Nur zweimal hatten wir zwei bis drei Tage lang nördlichen Wind. War der süd-
liche oder südöstliche Wind am Tage steif, so behielt er auch in der kommenden
Nacht diese Richtung; in der Regel aber war es in der Nacht entweder still
oder es wehte ein leichter nördlicher Landwind.
Das Entlöschen einer Holzladung (Dielen und Bretter) geht an dem Port
Melbourne Town Pier sehr langsam von statten, indem es durchaus nicht erlaubt
ist, die Ladung auf dem Pier aufzustapeln, wie man solches an den Pieren des Yarra-
Flusses thun darf. Die Ladung mufs aus dem Schiff unmittelbar auf die Wagen be-
fördert werden. Dabei geht sehr viel Zeit nutzlos verloren, indem oftmals eine
Schlinge voll Dielen so lange in der Takel hängen bleiben mufs, bis die zuvor auf-
gewundenen auf dem Wagen verstaut sind. Ich bin überzeugt, dafs die Zeit, die
man beim Löschen auf dem Yarra erspart, die Mehrkosten, welche durch das
Hinaufgehen in den Flufs entstehen, reichlich deckt.
Von Melbourne nach Malden-Eiland. „Emin Pascha‘ erhielt die
Order, von Melbourne nach Malden-Eiland zu versegeln, um am letztgenannten
Platze eine Ladung Guano für Hamburg einzunehmen. Von allen Seiten wurde
mir anempfohlen, die Route nördlich von Neuseeland zu nehmen, ganz. gegen
meine eigene Ansicht. Besonders geschah dieses von dem Kapt. Robertson,
der seit 13 Jahren zwischen Melbourne und Malden-Eiland fährt. Er hat die
Führung eines Dreimastschoners, Eigenthum meines Befrachters, mit dem er
Proviant hin- und Guano zurückbringt. Seiner Ansicht nach hält es schwer,
wieder nach Norden zu kommen, wenn man südlich von Neuseeland passirt ist.
Er geht, wenn irgend möglich, stets im Norden von Neuseeland, sonst aber durch
die Cook-Strafse, Letzteres aber nur im Nothfalle. Einmal mufste er am Südende
dieser Stralse wegen eines Südoststurmes umkehren. Wir haben, wie später noch
besonders betont werden wird, schlechte Erfahrungen auf der nördlichen Route
gemacht. . .
Nachdem wir unsere Ladung in Melbourne gelöscht und 800 Tonnen
Ballast wieder eingenommen hatten, waren wir am 4. April 1891 segelfertig für
Malden-Eiland. Südliche Winde. verzögerten die Abreise bis zum 6, April, an
welchem Tage wir um 8 Uhr morgens mit leichter nördlicher Briese unter Segel
gehen konnten. Wir. gelangten an diesem Tage gegen 10 Uhr abends nur bis
42 Sm mw. N'LO vom nördlichen Feuer des West-Channels. Während. der
Nacht holte der Wind westlich, und am folgenden.Morgen wehte ein schwerer
Südsüdweststurm. . Dieser und der nachfolgende südliche Wind hielten uns bis
3
l) Es ist in diesen Fällen nicht berücksichtigt, worden, dafs, ausgenommen in Flüssen, der
Stromwechsel nicht gleichzeitig mit Hoch- und Niedrigwasser eintritt, sondern ungefähr drei Stunden
;päter. (Siehe das „Segelhandbuch für den Indischen Ocean“, S. 361.) Uebrigens macht der „Australia
Directory“ auch auf die Unregelmäfsigkeit der Gezeiten in der Einfahrt von Port Phillip aufmerksam.